Mit der politischen Wende entstand in Rußland zwar ein neues Interesse an den Human- und Geisteswissenschaften, aber sie werden kaum noch gefördert.

Hier soll das unabhängige Institut für europäische Kulturen in Moskau Abhilfe leisten. Es wird von der EU finanziert, und einige Dutzend Studenten sollen dort im Zeitraum von zwei Jahren verschiedene Bereiche der Kulturwissenschaften kennenlernen - bisher sind es graduierte russische Studenten, später sollen Studenten aus Westeuropa hinzukommen. Russische Dozenten halten Grundvorlesungen, deutsche und französische Historiker, Philosophen, Literatur- und Kulturwissenschaftler bieten weiterführende Kurse und Seminare an. Die Absolventen erhalten ein Diplom als "Kulturologen" (die in Rußland gebräuchliche Bezeichnung für Kulturwissenschaftler) und sollen später selbst unterrichten, forschen oder in Museen, Verlagen, Stiftungen, im Kultusministerium oder in der Öffentlichkeitsarbeit einen Job finden.

Was veranlaßte westeuropäische Hochschullehrer, sich auf dieses Unternehmen einzulassen? Sie wollten dem akademischen Betrieb in Rußland helfen, denn er ist in seiner Existenz bedroht. Und es verhält sich keineswegs so, daß dort bei Null angefangen werden müßte, um etwas aufzubauen. Die Kulturwissenschaften haben in Rußland Tradition und waren auch für die Diskussion über Linguistik und Wissenschaftstheorie im Westen bahnbrechend hier wäre vor allem die von Jurij Lotman begründete linguistisch-semiotische Schule von Moskau und Tartu zu nennen. Lange vor der Perestrojka hatten Lotman, Uspenskij und weitere Forscher dieser Richtung in ihren Arbeiten, ohne es lauthals zu propagieren, ein anderes Kulturverständnis als die offizielle sowjetische Ideologie entwickelt.

Einer der tatkräftigsten Mitstreiter für die ideologische Veränderung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der Historiker Jurij Afanasjew, hatte vor sechs Jahren die Russische Staatliche Universität für Humanwissenschaften (RGGU) in Moskau gegründet. Sie bildet einen der seltenen Orte in der postsowjetischen Hochschullandschaft, an dem inhaltliche wie strukturelle Neuansätze riskiert werden. Also bot sich die Anbindung des europäischen Instituts an die RGGU an - bei Bewahrung der Unabhängigkeit. Bis zur Verwirklichung des Vorhabens war es allerdings ein langer Weg. Um die Ausbildung mit einem staatlich anerkannten Diplom abschließen zu können, mußte das Institut durch die russische Föderation juristisch "registriert" sein, wie es im offiziellen Jargon heißt.

Ein weiteres Problem waren die Normen des russischen Erziehungsministeriums und des Staatskomitees für Hochschulbildung: verschulter Unterricht, inhaltlich überfrachtete Studienpläne, die auf das Anhäufen von Elementarwissen abzielen. Ebenso gehört ein immenses Stundensoll zu den ungebrochenen Traditionen. Die offiziellen Richtlinien nicht grundsätzlich in Frage zu stellen und gleichzeitig den neuen Inhalt des geplanten Studiengangs durchzusetzen, das erforderte wahre Akrobatik. Und wie wird die junge russische Elite mit den westlichen Ansätzen zurechtkommen, die nicht von einer einzigen elitären Kultur ausgehen, sondern von Beziehungen zwischen den Kulturen? Die Generation der russischen Studenten, mit denen ich zu tun hatte, verblüfft durch ihr Selbstverständnis, die eigentliche Intelligenzija zu repräsentieren.

Im kommenden Sommer werden die ersten Absolventen ihren Zusatzstudiengang am Institut für europäische Kulturen mit einem Diplom in Kulturwissenschaften abschließen. Sie gehen dann in die russische Kulturwelt hinaus, in eine offene Zukunft. Offen ist aber auch die Zukunft des Instituts. Zwar wurde es auf unbegrenzte Zeit gegründet, doch das Konzept der Europäischen Union sieht vor, daß nach einer Anlaufzeit Stiftungen und Sponsoren die weitere Finanzierung übernehmen. Nur - wo lassen sich heutzutage Sponsoren in Rußland finden, die weder die Kommerzialisierung des Instituts fordern noch Bedingungen stellen?

Jutta Scherrer arbeitet am Deutsch-Französischen Forschungszentrum für Sozialwissenschaften in Berlin und war an dem Aufbau des europäischen Kulturinstituts in Moskau beteiligt