Die Vergangenheit liegt wie ein Nebelschleier über der Ornemündung. Der Treidelpfad entlang des Canal de Caen sah im Morgendunkel wohl kaum anders aus, als deutsche Truppen die Normandie besetzten. Entengeschnatter, in wattigem Wasser ersaufendes Gebüsch, Alleebäume wie Scherenschnitte auf dem jenseitigen Ufer. In der Ferne das Windrauschen des ersten Verkehrs.

Halbwegs zwischen der Küste und Caen schält sich eine wie von Monet gemalte Zugbrücke aus dem lichter werdenden Dunst. Die Kanalbrücke von Bénouville.

Sie ist auch in Frankreich unter ihrem englischen Namen bekannt: Pegasus Bridge. Am 6. Juni 1944 glitten eine Viertelstunde nach Mitternacht neunzig Mann der sechsten britischen Luftlandedivision, ihr Abzeichen ist das geflügelte Roß, in drei Lastenseglern neben der Brücke in das Ufergebüsch und nahmen sie den deutschen Besatzern im Handstreich ab. Ein lautloser Startschuß zur Landung der Alliierten, der Beginn vom Ende der germanischen Vergewaltigung Frankreichs.

Die geschichtlichen Nachwehen der Besatzung werden hier bis heute ausgefochten - jetzt als tragikomischer Dorfkrieg: Clochemerle in der Normandie. Das Echo der Vergangenheit, verzerrte Mißtöne wahrer und verdrehter Geschichte, die Dissonanzen einer Erbaneignung von Widerstand und Heldentum wollen nicht verstummen. Der Streit geht um die Brücke, er geht um ein Café und ein Museum. Und um eine Frau.

Am Kanalufer neben der Brücke steht ein einstöckiges, schmales Haus aus rotem Backstein. "Café Gondrée" steht über dem Eingang. Eine elegante Dame mit blondem, makellos frisiertem Haar in ihren Mittfünfzigern schlägt gerade von innen die weißen Fensterläden auf. Sie trägt ein apartes Seidentuch um den Hals. Ihre Augen sind blau wie Lapislazuli. Das ist die Frau. Wer englische Zeitungen liest, kennt ihr Gesicht: Arlette Gondrée, die Joan d'Arc der britischen Veteranen. Erst unlängst berichteten sie ganzseitig und mit mehreren Photos über eine "Zweite Schlacht an der Pegasusbrücke" und einen Nacht-und-Nebel-Angriff auf das hinter dem Café gelegene Museum. Der Parkplatz des Musée des Troupes Aéroportées ist jetzt mit Ketten und Vorhängeschlössern abgesperrt. Das Telephon ist abgezwickt. Die Ausstellungsräume sind ausgeräumt, die Vitrinen leer.

Madame Gondrée erzählt ihren Gästen gerne, wie sie als kleines Mädchen fröstelnd in der Dunkelheit stand, als zwei Soldaten mit schwarzbemalten Gesichtern und Maschinenpistolen in der Hand in jener Nacht im Juni 1944 die Tür des Cafés aufstießen. Ihr Vater sei Mitglied der Résistance gewesen.

"Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann wandte sich der eine Soldat an den anderen und sagte etwas auf englisch. Da wußten wir, daß jetzt alles in Ordnung war, und ich brach in Tränen aus." Ihr Haus, sagt sie, wurde als erstes Haus in Frankreich befreit. Und sie erklärt ihren Gästen: "Dieses Café ist nicht nur mein Zuhause, es ist auch Ihres."