Ein Knie geht einsam durch die Welt, hat Christian Morgenstern gereimt.

Es ist ein Knie, sonst nichts.

Sonst nichts? Dieses Knie ging nicht nur durch die Welt, es ging durch die Zeiten und jetzt sogar ein ins Reich der Kunst. SEIN Knie: "Willy Brandt - ein Heldenleben". So könnte die Oper heißen, die rund um dieses Knie komponiert wurde. Tut sie aber nicht, sondern schlicht: "Kniefall in Warschau". Es geht um eine der spektakulärsten politischen Gesten der Nachkriegszeit, um eine Abweichung vom Protokoll, die die eingeschliffenen Rituale der öffentlichen Selbstdarstellung als hohles Zeremoniell entlarvte, um eine Chiffre der Authentizität in einem Treibhaus der Intrigen und der machtstrategischen Winkelzüge.

Wie kann man diese multiperspektivische Metapher in Klängen erblühen lassen, wie die rechte Tonlage, die angemessene Instrumentierung finden? Gar nicht.

Als William Killmaier in der Rolle des Willy Brandt das Knie beugt, herrscht Totenstille im Dortmunder Opernhaus. Davor hatte Komponist Gerhard Rosenfeld ein gewaltiges Crescendo gesetzt: schneidendes Blech, frenetische Paukenschläge, einstürzende Intervalle - gefolgt von einem Kaddisch, einem jüdischen Klagegebet. Aus dieser Klangwand drängten die Gespenster der Vergangenheit nach vorne: die Opfer aus den Lagern, mit dem Stern gezeichnet, die Zeugen der Erinnerung, die ewig Umgetriebenen. Höchste Bühnenbetriebsamkeit, Exaltation, Chaos - und dann Generalpause. Nur noch Husten, Räuspern, Rascheln im Zuschauerraum. Ein "Nullpunkt" im Auge des Hurrikans, eine Idee, die fast von John Cage sein könnte, und sicher die geglückteste künstlerische Findung in einem Werk, das alle anderen Opernpremieren in diesem Jahr an Publizität überstrahlte.

Nicht wegen des Komponisten - den kannte kaum jemand -, sondern wegen der Hauptfigur: Brandt, der Verlierer von 1974, der nach dem Fall der Mauer zum späten Gewinner wurde. Emigrant, Regierender Bürgermeister, Bundeskanzler, Mann der Brüche und Widersprüche, Grübler und Bonvivant. Ein pralles Leben in der aschgrauen Bonner Baracke. Scheinbar wie geschaffen für die Oper. Doch gemach!

"Kniefall in Warschau" verdankt sich der Agilität des Dortmunder Intendanten John Dew, der um jeden Preis seiner Vision von einer interventionistischen Oper für Zeitgenossen Form und Gestalt verleihen möchte. Mitten hinein in die Turbulenzen und Verwerfungen der unmittelbaren Vergangenheit, Mythos und Geschichte wie Wasserfarben ineinander verlaufen lassen. Keine öde Datenparade am roten Faden der Brandt-Biographie, sondern ein Bewußtseinsstrom quer durch die Zeiten und Lebenslagen. Drei Willys auf der Bühne, ein junger voll revolutionärem Elan, ein gereifter, der dem politischen Pragmatismus huldigt, und ein alter, weise zurückblickend. Aber ach! Was diese Willys von sich geben, ist die Weisheit der Binse: