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Noch vor ein paar Jahren hätte man das Ergebnis, dezent auf noblem Bütten, gerade einmal seinen engsten Geschäftspartnern angezeigt. Jetzt engagierte die angesehene Düsseldorfer Anwaltssozietät Bruckhaus Westrick Stegemann eigens eine PR-Agentur, um ihre Fusion mit der Wiener Kanzlei Heller, Löber, Bahn & Partner der Öffentlichkeit in der vergangenen Woche medienwirksam mitzuteilen.

Diese "erste grenzüberschreitende Fusion einer deutschen Großkanzlei" (Pressetext) ist der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Kette von Fusionen unter namhaften Anwaltsfirmen. Seit vor zehn Jahren das Bundesverfassungsgericht erstmalig überörtliche Sozietäten erlaubte, ist der Trend zur Größe praktisch ungebrochen. "Noch vor fünfzehn Jahren galt eine Anwaltssozietät mit zwanzig Partnern als groß", erinnert sich Klaus Kohler, Chefsyndikus der Deutschen Bank. Mittlerweile beschäftigen die neun Größten jeweils über hundert Juristen. Und als neuer Branchenprimus vereinigt die deutsch-österreichische Bruckhaus-Connection unter ihrem Dach künftig nicht weniger als 260 Anwälte.

"Heute braucht man eine bestimmte Größe, um vom Markt noch wahrgenommen zu werden", erklärt Martin Peltzer das Fusionsfieber. Genau aus diesem Grund hatte er seine Frankfurter Kanzlei Peltzer & Riesenkampff Anfang dieses Jahres mit zwei renommierten Adressen in München und Hamburg zu einem Verbund von 102 Anwälten verschmolzen. Im Ranking weit vorne zu stehen empfiehlt sich vor allem mit Blick auf die als Beauty Shows bezeichneten Ausschreibungswettbewerbe. Dazu laden Firmen und öffentliche Institutionen eine begrenzte Zahl von Sozietäten ein - eine Praxis, die sich vor allem bei juristisch komplizierten Vertragswerken immer mehr durchsetzt.

In ständig größere Dimensionen werden die Praxen auch durch den Zwang getrieben, immer neue Arbeitsgebiete abzudecken, in den vergangenen Jahren etwa Umwelt-, Medien- und Telekommunikationsrecht. Bevor eine Kanzlei ihre Mandanten zu einem Spezialisten schickt, bildet sie, schon um einen Kunden nicht an die Konkurrenz zu verlieren, lieber selber ein Team heran. Hinzu kommt, daß zumindest die führenden Anwaltsfirmen an den Plätzen präsent sein müssen, wo die Musik spielt. Nachdem sie nach der Wende zunächst am lukrativen Privatisierungsgeschäft der Treuhand durch neue Stützpunkte in Berlin, Leipzig und Dresden partizipierten, richtet sich ihr begehrlicher Blick jetzt vor allem auf die osteuropäischen Metropolen. Mehrere größere Sozietäten haben bereits Ostdependancen eröffnet, die Düsseldorfer Bruckhaus-Juristen haben ihre österreichischen Kollegen, wie Partner Günter Beckmann freimütig einräumt, nicht zuletzt wegen deren Vertretungen in Budapest, Prag und Bratislava mit ins Boot genommen.

In der nüchternen Welt des Spezialistentums sind die als kongeniale Partner auftretenden Stars unter den Wirtschaftsanwälten so gut wie ausgestorben.

Generalisten wie der Flick-Intimus Hans Hengeler oder der bei den Quandts, der Tchibo-Familie Herz und beim Stahlaußenseiter Willy Korf bestens eingeführte Düsseldorfer Bruckhaus-Partner Max Kreifels sowie der Frankfurter Rechtsberater Carl Hans Barz, ohne dessen juristische Begleitung im Rhein-Main-Raum kaum etwas lief, hätten in der Teamkultur unserer Tage einen schweren Stand. Allenfalls Männer wie der Hengeler-Partner Michael Hoffmann-Becking, der unter anderem im Bertelsmann-Aufsichtsrat sitzt und beim Konzernumbau der Metro mitmischte, sowie der Bremer Kirch-Vertraute Joachim Theye erreichen das Standing dieser dank gewachsener Vertrauensbeziehungen einflußreichen Altvorderen.

Zum Wandel der Branche hat auch das Eindringen der angelsächsischen Rechtskultur beigetragen. Entsprechen deutscher Tradition mit klaren gesetzlichen Bestimmungen eher knappe Verträge, regeln Amerikas Law Firms mit Hilfe arbeitsteiliger Spezialteams alles bis ins letzte Detail. Die Öffnung deutscher Großkonzerne gegenüber dem internationalen Kapitalmarkt hat weltweit operierende Anwaltsmultis auch hierzulande hoffähig gemacht. Vor allem am Bankenplatz Frankfurt haben gleich mehrere Global Player mit Starthilfe abgeworbener deutscher Anwälte Stellung bezogen. So zählt die mit 1145 Anwälten an 26 Punkten der Welt tätige Beratungsfirma Clifford Chance in der Mainmetropole bereits 45 Anwälte, 20 mehr als noch vor einem Jahr.

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Bei großen Projektfinanzierungen ist der Riese, so Partner Thomas Heymann, "mit allen großen deutschen Banken im Geschäft". Die 250 Jahre alte Londoner Kanzlei Freshfields, die allein im Mutterhaus über 500 Anwälte beschäftigt, empfiehlt sich mit einer vierzehnköpfigen Truppe für juristische Beratung bei Börseneinführungen und Deinvestments.

Dabei profitieren die Angelsachsen vom Vordringen amerikanischer Investmentbanken ins deutsche mergers and acquisitions-Geschäft, für das sie sich der juristischen Beratung vertrauter Anwaltsadressen bedienen. So unterhält Goldman-Sachs enge Beziehungen zu Shearman & Sterling, einer von Düsseldorf aus operierenden Kanzlei. Zusammen mit Paul Achleitner, dem Deutschlandchef von Goldman-Sachs, strickte die Anfang der neunziger Jahre in den Markt eingestiegene Sozietät unter anderem an der fehlgeschlagenen Thyssen-Übernahme durch Krupp in diesem Frühjahr mit. "Wenn wir hier zu Bett gehen, können wir unseren Kollegen in New York die Arbeit hinüberschieben, und die machen dann weiter", illustriert Shearman-Partner Hans Jürgen Meyer-Lindemann die Vorteile eines weltumspannenden Netzwerks.

Noch sind in den deutschen Sozietäten Personalreduzierungen wie vor einiger Zeit bei einigen ihrer Londoner Konkurrenten erspart geblieben, weil der deutsche Markt noch wächst. Nicht nur die auf dem Gebiet des Gesellschaftsrechts führenden beiden Düsseldorfer Sozietäten Hengeler Mueller Weitzel Wirtz und Bruckhaus Westrick Stegemann mit ihren langjährigen Geschäftsverbindungen (vor allem auch zu mittelständischen Familienfirmen) plagt derzeit eher noch die Sorge, nicht genügend brillante Nachwuchsanwälte mit zwei Prädikatsexamen, Promotion sowie Sprachkenntnissen und US-Erfahrung an Land zu ziehen.

Konkurrenz kommt inzwischen auch aus einer anderen Ecke. Fast alle großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben aus der intimen Kenntnis ihrer Mandanten erkannt, welch attraktive Honorare mit der Rechtsberatung zu verdienen sind. So brachte der WP-Multi Arthur Anderson bereits eine der drei führenden spanischen Anwaltsfirmen und eine Londoner Kanzlei unter seine Fittiche.

Einst wirklich nur kleine "Kanzleien" weniger Partner präsentieren sich mittlerweile als gehobene Mittelständler mit Honorarumsätzen von 200 Millionen Mark und mehr.

Was früher verpönt war, etwa gezielt Spezialisten aus anderen Häusern abzuwerben oder öffentlich mit den klangvollsten Namen ihrer Mandanten zu werben, erregt heute allenfalls noch bei konservativen Interpreten des berufsständischen Ehrenkodex Anstoß. Auch nicht die zunehmende Neigung mancher Anwaltsfirmen, unter dem Druck hoher Personalkapazitäten bei ihren Rechnungen allzu großzügig aufzuschreiben.