Als Erwin Blumenfeld vor hundert Jahren zur Welt kam, waren zwei Fächer, in denen er brillieren würde, noch nicht erfunden: die Mode- und die Propagandaphotographie. Aber als Blumenfeld in Paris seine Chance bekam, mit fast vierzig, war ihm keine Idee zu gewagt: Das Seidenkleid von Lelong wehte als Fahne der Eitelkeit vom Eiffelturm, das Modell mit einer Hand am Eisengestänge weit über den Dächern der Stadt. Und als er 1941 in New York ankam, hatte er ein wichtiges Motiv im Koffer: die Überblendung eines Hitlerportraits mit einem Totenkopf. Die amerikanische Armee hat das Bild von 1933, auf einem Flugblatt, zehn Jahre nach der Entstehung millionenfach über Deutschland abgeworfen.

Sein schönstes Bild ist gar nicht von ihm: Es zeigt einen belustigten Mann im Badeanzug, der von feierlich uniformierten Polizisten abgeführt wird, im Hintergrund die Fassaden einer aufwendigen Bäderarchitektur. Der Mann ist Blumenfeld selbst, verhaftet, "weil ich meinen Badeanzug von der linken Schulter herabgelassen hatte". Das heitere Dokument findet sich in seiner Autobiographie "Aus tausendjähriger Zeit". Blumenfeld, der früh Chaplin liebte und Die Fackel las, hatte sich schon mit vierzehn Jahren als Pierrot photographiert und zeigte sich auch später immer wieder als Schelm und Provokateur.

Man kann wirklich nicht behaupten, daß sich Blumenfeld von vornherein für das Wahre, Schöne und Makellose empfohlen hätte. Just 1936, als mit der Berliner Olympiade die fortschrittlichen Bildsprachen umgeschmiedet werden in pseudoklassische, taucht Erwin Blumenfeld in Paris auf und etabliert sich als Studiophotograph. Weil ihm der Zugang zu den Moderedaktionen zuerst nicht glückt, kapriziert er sich auf Werbung. Dort, wo es darum geht, Einzelbilder von ikonischer Kraft hervorzubringen, zeigt sich Blumenfeld - technisch ein Autodidakt - als spätes Talent der ersten Stunde. Die Seife Mon Savon kommt mit dem Glanz eines Pralinés und in der Größe eines Koffers aus einem schwarzen Theaterhimmel gestürzt, um von einer unbekleideten Somnambulen mit gereckten Armen erwartet zu werden. Ihm ist von vornherein klar, daß die Industrie nicht "die Photographie" will, sondern schlüssige Bilder, und sofort schließt sich sein enormes Bildgedächtnis mit einer tüftlerischen Experimentierfreudigkeit kurz. Zwei Jahre später endlich begegnet er Cecil Beaton, der Blumenfelds Neigung zum gewollt Dekadenten - zum Dissens durch Entstellung - als kreatives Potential begreift und ihm seinen ersten Jahresvertrag bei der Vogue verschafft.

Im Rückblick wirken die Pariser Modebilder angestrengter als die ersten Modephotographien aus New York, deren Übertreibung in luxuriösen Accessoires, barocken Gesten und kaskadenartigen Lichtern den Wunschbildern Hollywoods aus den letzten Kriegsjahren in nichts nachstehen wollten. Allerdings fällt auf, daß aus hochartifiziellen Photographien, kontinental und amerikanisch, immer wieder die Augen sehr konkreter Frauen herausschauen. Erwin Blumenfeld sah die Mannequins, wie man damals in Europa sagte, als Frauen, die sie waren.

Das erstaunlichste an Erwin Blumenfelds Karriere als Photograph ist, daß er auf einem hohen Niveau professioneller Tätigkeit den Wechsel von Schwarzweiß zur Farbe schaffte. Allein im Jahr 1945 legt er bei der amerikanischen Vogue sieben Titel vor. Das einprägsamste Bild zeigt den wie hingehauchten Schattenriß einer eleganten Dame in langem Kleid und mit grünem Hut - hinter einem transparenten roten Kreuz: "Do your part for the Red Cross" (im März).

Die Beauty Issue vom Mai bringt das kühne Portrait einer Frau auf weißem Grund, das sich aus drei Fragmenten zusammensetzt: dem Schatten unter ihrem Kinn, der aussieht wie die Steuerflosse eines U-Boots einem maßlos übertrieben kolorierten Mund und der Augen- und Nasenpartie, die vom Schatten eines Mützenschirms auf düstere Weise grünlich illuminiert ist. Der Schirm der Mütze selbst, im Schattenriß, macht sie zu einer Soldatin der Mode am Ende des Krieges. "War-free Christmas 1945" illustriert Blumenfeld mit einer kopflosen Engelsgestalt in Regenbogenfarben vor einem blauen Meer in der Unschärfe blubbernder Lichter.