Noch vor acht Wochen war die Lage eindeutig. "Auf keinen Fall zahlen", zitierte die ZEIT (Nr. 41/1997) die Vorgabe des italienischen Staatsanwalts.

In dem Bericht ging es um die seit einem dreiviertel Jahr auf Sardinien entführte Silvia Melis, Mutter eines fünfjährigen Kindes, deren Angehörige bereit waren, das geforderte Lösegeld zu zahlen, was sie aber in Konflikt mit dem Gesetz brachte. Lösegeldzahlungen stehen in Italien unter Strafe. Es wurde nun doch gezahlt, und das Opfer kehrte nach 256 Tagen in die Freiheit zurück. Ende gut, alles gut? Von wegen!

"Der mysteriöseste Entführungsfall der letzten Jahre", schrieb La Repubblica.

Tatsächlich ging bei der Freilassung der Geisel vieles nicht mit rechten Dingen zu. Es begann damit, daß am Abend des 11. November die Polizei in der sardischen Provinzstadt Nuoro beim Vater der Entführten im hundert Kilometer entfernten Tortoli anrief und diesem mitteilte, er könne seine Tochter, die 28jährige Silvia Melis, abholen. Sie habe sich in ihrem Versteck selbst befreien können und sei aus den Händen der Entführer geflohen.

Die Heimkehr der jungen Frau, um deren Schicksal in Italien erregte Debatten liefen, geriet zu einem Volksfest. Zuvor war nämlich immer mehr in Frage gestellt worden, ob das Gesetz gegen Lösegeldzahlungen und die damit verbundene präventive Beschlagnahme des Familienvermögens unter humanitären Gesichtspunkten vertretbar sei.

Mit Verblüffung und ungläubigem Staunen starrte die Menschenmenge in ihrem Heimatort auf die Zurückgekehrte. Keinerlei Spuren von Strapazen nach einem dreiviertel Jahr der Gefangenschaft in feuchten Grotten und Höhlen.

Übers Fernsehen erlebte die Nation mit, wie da eine zierliche, strahlende Frau im schicken Missonilook und mit Perlen in den Ohrclips in übersprudelnder Laune über ihre Entführer berichtete: Nett seien sie zu ihr gewesen und hätten ihr nichts angetan. Menschen wie du und ich, und über das Schicksal der Lady Di hätten sie miteinander gesprochen. Derart euphorisch kam noch nie jemand aus Geiselhaft zurück.