DRESDEN. - Die Geschichte ist kein Märchen, auch wenn sie alles hat, was ein Märchen haben muß: einen mächtigen König, verarmte Edelleute, einen sparsamen Minister, ein verfallenes Schloß und einen versunkenen Schatz, der plötzlich wieder ans Tageslicht kommt. Weil die Sache mit dem Schatz so spannend ist und für den Fortgang der Geschichte so wichtig, soll von ihr auch zuerst die Rede sein.

Dazu ist es nötig, sich um ein gutes Jahr zurückzuversetzen in den lichten Wald, der für die Landschaft um Moritzburg so typisch ist. Dort, in der Nähe der alten Jagdresidenz der Wettiner mit ihren vier wuchtigen Türmen und den vielen Touristen sind immer mal wieder Schatzsucher unterwegs, die mit fiepsenden Metalldetektoren in der geschichtsträchtigen Umgebung etwas zu finden hoffen, das die eigene Sammlung schmückt oder sich beim Antiquitätenhändler zu Geld machen läßt.

Von dieser Leidenschaft gepackt war auch der Postfahrer Hanno Vollsack aus Dresden. An einem Tag im Oktober 1996 spielte sein elektronischer Spürhund plötzlich verrückt. Beim Graben kamen zwei vermoderte Munitionskisten und eine Zigarrenkiste zum Vorschein, deren Inhalt Herrn Vollsack vor Ehrfurcht erschaudern ließ. Diesmal waren es nicht irgendwelche Kanonenkugeln aus den Befreiungskriegen, auf die er gestoßen war, sondern gleich ein ganzer Hort aus Gold, Silber und Edelsteinen. Zu Hause in Dresden-Klotzsche wurde es dem jungen Mann und seiner Freundin dann etwas mulmig mit den Prachtstücken auf dem Küchentisch, deren wahren Wert die beiden noch gar nicht kannten.

Die Kunde vom "Moritzburger Schatz" machte in Windeseile die Runde, und die Behörden erklärten den Fundort zum Sperrgebiet. Seriöse Zeitungs- und Rundfunkredaktionen erkundigten sich, ob in Sachsen auch alles mit rechten Dingen zugehe oder ob nicht plötzlich doch ein frecher Moderator aus dem Gebüsch springen und "Verstehen Sie Spaß?" rufen würde. Eingedenk der Tatsache, daß es ja auch ein Sachse war, der in seinen Wildwestromanen das Blaue vom Himmel phantasiert hatte.

Für die Dresdner Fachleute bestand niemals ein Zweifel an der Echtheit des Schatzes. Einige Stücke kamen ihnen nur zu bekannt vor, weil sie ähnliches im Grünen Gewölbe verwahren, der prachtvollen Schatzkammer der Wettiner. Vieles von dem, was heute in den Museumsvitrinen hinter Panzerglas steht, war vor dem Zweiten Weltkrieg Privatbesitz des früheren Herrscherhauses. Einen Teil dieser in Jahrhunderten angehäuften Pretiosen verwahrten die Nachfahren des letzten Sachsenkönigs Friedrich August III. in Moritzburg. Als 1944 die Rote Armee heranrückte, ließ Prinz Ernst Heinrich, dritter Sohn des entthronten Fürsten, vergraben, was ihm besonders wertvoll war: Teile der Hofsilberkammer, Goldschmiedearbeiten wie der merkwürdige Mohrenkopfpokal des Wenzel Jamnitzer oder der aus Gold und Silber gefertigte Blumenkorb aus der Werkstatt von Georg Christoph Dinglinger, dem Hofjuwelier August des Starken.

Manches fiel den Sowjets trotzdem in die Hände über den verschollenen Rest wird seither spekuliert.

Hier kommen nun die verarmten, aber stolzen Edelleute ins Spiel, ohne die auch ein wahres Märchen nicht auskommt. Maria Emanuel Markgraf von Meissen und Herzog zu Sachsen reiste höchstpersönlich vom Genfer See an, um den Schatz in Empfang zu nehmen. Der Chef des Hauses Wettin ist ein Enkel von Friedrich August, der als ausgesprochen bürgernah gegolten hatte und seine Untertanen 1918 mit dem Ausspruch "Nun macht Euch Euern Dreck alleine" in die republikanische Zukunft entlassen haben soll. Auch der betagte Markgraf aus Genf gibt sich bei seinen Besuchen in der alten Heimat volkstümlich und pflegt gelegentlich seine Zuhörer - statt des förmlichen "Sie" - in der zweiten Person Plural zu adressieren. Kurz nach der Wende hegten er und sein in München lebender Bruder, Prinz Albert, wohl sogar Hoffnungen auf eine Rückkehr auf den Thron. Dann machte freilich der kleine, aber mächtige Bürgerkönig aus dem Westen das Rennen. Kurt Biedenkopf hoch zu Roß als "Goldener Reiter" - dieses Titelbild eines Nachrichtenmagazins muß die alten Wettiner geschmerzt haben.