Seit einigen Jahren scheint Deutschland eine Vorliebe für Holocaust-Geschichten mit Happy-End zu haben. Nur so erklärt sich der Erfolg eines Films wie "Schindlers Liste" und die enorme Resonanz der Tagebücher Victor Klemperers. Als die Tagebücher des Dresdner Romanisten, der dank seiner nichtjüdischen Ehefrau die Jahre der Hitler-Herrschaft als "Sternjude" überlebte, 1995 auf den Markt kamen, war die Reaktion überwältigend: Klemperers Chronik des Alltagslebens unter der nationalsozialistischen Diktatur galt augenblicklich als die historische Quelle, die alles in den Schatten stellte, was bis dahin über die NS-Zeit geschrieben worden war.

Auch der Kultur- und Medienbetrieb ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine neue Folge der inzwischen zum Ritual verkommenen "Erinnerung an die Nazizeit" zu inszenieren. Theater organisierten Marathonlesungen der Tagebücher 1933 bis 1945, der Rundfunk sendete sie in täglicher Folge, das Fernsehen sicherte sich die Ausstrahlungsrechte. Anfang kommenden Jahres beginnen die Dreharbeiten zu einer dreizehnteiligen TV-Serie, Edgar Reitz ist als Regisseur im Gespräch. 160 000mal hat der Aufbau-Verlag die zweibändige Tagebuch-Kassette inzwischen verkauft und 4000mal die Hörfassung, eine Kassette mit sechs CDs, von Udo Samel gesprochen. Und mit einer eigenen Taschenbuchausgabe "für junge Leser" hat Klemperer sogar seinen Platz im Schulkanon gefunden.

Der Enthusiasmus war nahezu einstimmig. Und zweifellos ist das autobiographische Werk Klemperers von höchstem historischen und literarischen Wert. Die Tagebücher - sowohl die aus der Hitler-Zeit (1933 bis 1945) als auch die 1996 erschienenen aus den Weimarer Jahren (1918 bis 1932) - sind eines der wichtigsten und bewegendsten Dokumente des geistigen und des alltäglichen Lebens eines zunächst marginalisierten und ab 1933 verfolgten, ja faktisch zum Tode verurteilten Juden.

Klemperers Lebenslauf - als Rabbinersohn, der zum Protestantismus konvertiert, sich als glühender Patriot 1915 freiwillig an die Front meldet, sich nach Hitlers Machtantritt durch sein Verdienstkreuz geschützt glaubt, aber 1935 als Professor an der TH Dresden amtsenthoben und danach als Jude sukzessive entrechtet wird - ist nahezu paradigmatisch für eine Generation des deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums, die ihren Wunsch nach Assimilation und Anerkennung mit allen Mitteln zu realisieren vers uchte und für die sich die ersehnte deutsch-jüdische Symbiose ab 1933 in einen Alptraum verwandelte.

Klemperers Tagebücher sind das document humain einer schmerzhaften, von Illusionen, Zweifeln, Enttäuschungen, innerer Zerrissenheit begleiteten intellektuellen Verwandlung, der man über nahezu dreißig Jahre aus nächster Nähe beiwohnen kann.

Allerdings erwies sich Klemperers Chronik leider auch als eine unerschöpfliche Quelle der Vereinnahmung seitens einer Rezeption, die hinter der Fassade uneingeschränkter Zustimmung die eigene Selbstrettung betrieb. So beeilte sich die deutsche Romanistik nach dem Fund des "Tagebuch-Klemperers", eine retrospektive Revision seiner Werke vorzunehmen. Sie stilisierte ihn zum Dissidenten der ideologisch anrüchigen Romanistik der zwanziger Jahre und erhob ihn zum Aufklärer in finsteren Zeiten, quasi zum Schutzheiligen des Fachs. Auch Martin Walser - seinem bekannten Deutschlandtraum folgend - konstruierte das Bild des "exakten Chronisten" und deutschen Patrioten, der "zu Recht" davon überzeugt gewesen sei, daß die Aufklärung den Antisemitismus überwunden habe.