Die Inszenierung war perfekt. Auf die Schreibtische gleich mehrerer Chefredakteure, der Duma-Kommunisten und des Generalstaatsanwalts flatterte das belastende Material gegen den verhaßten Mann: Der Erste Stellvertretende Regierungschef Rußlands, Anatolij Tschubajs, und seine Mitstreiter, da gab es keinen Zweifel, hatten 450 000 Dollar für ein Buch kassiert, das sie noch gar nicht geschrieben hatten. Das Geld kam offensichtlich von einer Tochter der Unexim-Bank, deren Präsident Wladimir Potanin Tschubajs nahesteht. Die Sache lag klar, zur Regierungskrise bedurfte es nicht mehr. Drei Tschubajs-Zöglinge mußten ihre Posten räumen, beim Paradereformer persönlich ließ Präsident Boris Jelzin vorerst Gnade walten - Tschubajs ist weiterhin Erster Vizepremier, lediglich den Posten als Finanzminister mußte der 42jährige aufgeben.

Was so aussah wie eine von vielen russischen Regierungskrisen, ist mehr als das: Der Skandal um den "Bund der Schriftsteller", wie Tschubajs und seine Gefährten verhöhnt werden, ist der vorläufige Höhepunkt eines brutalen Machtkampfes, dessen Folgen seit längerem die Wirtschaftsreformen in Rußland stark beeinträchtigen. Die Kontrahenten sind dabei nicht mehr Reformer und Kommunisten. Tschubajs' Gegner sind viel stärker als die Roten in der Duma, dem russischen Parlament, das mußte inzwischen auch der Erste Vizepremier einsehen: Manche russischen Geschäftsleute, reflektierte der angeschlagene Reformpolitiker vergangene Woche, seien "so groß und wichtig geworden, daß sie glauben, der Staat sei nur dafür da, ihnen zu dienen und ihre Wünsche zu erfüllen".

Es sind die Geister, die Tschubajs selber gerufen hat: Die "Großen Sieben" werden sie genannt oder einfach nur "G7" - sieben russische Unternehmer, die mit ihrem Einfluß und Geld dem kranken Präsidenten Boris Jelzin 1996 zum Wahlsieg verhalfen und angeblich mehr als fünfzig Prozent der russischen Wirtschaft beherrschen. Die wenigen Informationen, die über sie an die Öffentlichkeit gelangen, lassen sie übermächtig erscheinen: Zu ihren Holdings gehören Banken, Ölkonzerne und Fabriken sie tragen ihre Verteilungskämpfe wie beim Tschubajs-Skandal in den großen Tageszeitungen und Fernsehstationen des Landes aus, die sie inzwischen selber kontrollieren. Im September dieses Jahres empfing sogar Präsident Jelzin die prominenten bisnesmeni, weil sie ihr Schlachtfeld ins Weiße Haus an der Moskwa, dem Regierungssitz, verlegt hatten.

So viel Aufmerksamkeit hat die sieben Männer inzwischen selbst zu beliebten Spekulationsobjekten werden lassen: Auf drei Milliarden Dollar schätzte das amerikanische Monatsmagazin Forbes den persönlichen Reichtum von Boris Beresowskij, dem prominentesten Vertreter der "G7". Jetzt spukt diese Summe, die Beresowskij zu einem der hundert reichsten Männer der Welt machen würde, durch die Gazetten - der sonst wenig bescheidene Beresowskij will sie allerdings nicht bestätigen: "Ich stehe als Wissenschaftler dieser Schätzung sehr skeptisch gegenüber", sagt der promovierte Mathematiker in seiner vornehm hergerichteten Residenz im Zentrum von Moskau. "Ob es nun drei Milliarden Dollar oder drei Millionen Dollar sind, weiß ich nicht so genau."

Schließlich sei der Wertpapiermarkt in Rußland noch nicht weit genug entwickelt, um sein Vermögen zu schätzen.

Die wahren Werte des Boris Beresowskij lassen sich ohnehin nicht in Rubel, Dollar oder Aktienanteilen messen, denn er ist ein typischer Vertreter der postsowjetischen Busineßgarde: Er muß nicht Eigentümer sein, um zu kontrollieren. Der 51jährige ist ein Fädenzieher, ein hocheffektiver Intermediär in einer politisierten Wirtschaft, in der bis heute oft nicht das geschriebene Wort, sondern das Telephonrecht - die Anweisung von oben - gilt.

So ist sein Einfluß auf den staatlichen Fernsehsender ORT erheblich größer als sein Aktienanteil der läßt sich zwar nicht genau beziffern, beträgt aber auf jeden Fall weit weniger als fünfzig Prozent. Undurchsichtig sind auch die Eigentumsverhältnisse beim Ölkonzern Sibneft, und dennoch gibt Beresowskij dort den Ton an. Vor allem aber bleibt der kleine Mann mit dem schütteren Haar ein wichtiger politischer Spieler: Er führte die Regie bei der Inszenierung gegen Tschubajs, nachdem der Erste Vizepremier gemeinsam mit Coreformer Boris Nemzow Anfang November Präsident Jelzin davon überzeugt hatte, Beresowskij aus dem nationalen Sicherheitsrat zu feuern.