DIE ZEIT: Viele chinesische Intellektuelle denken heute über Sie wie Ihr jüngerer Bruder Taotao. Er teilt viele Ihrer Gedanken, aber er hält Sie für einen Idealisten. Warum hören Sie nicht auf die Pragmatiker?

WEI JINGSHENG: Wenn man etwas beginnt, sollte man es auch zu Ende bringen.

Ich gehöre nicht zu denen, die ihre Verantwortung auf halbem Weg aufgeben, und meine Verantwortung gilt der chinesischen Demokratie.

ZEIT: Ihr demokratisches Ethos ist eine Gegenreaktion auf die Kulturrevolution. Chinas Jugend aber hat die Kulturrevolution längst vergessen und will vor allem Geld verdienen. Sehen Sie daneben nicht ziemlich alt aus?

WEI: Nein. Nicht alle chinesischen Jugendlichen von heute haben ihren Enthusiasmus verloren. Viele sind mit der Realität unzufrieden und wollen China verändern.

ZEIT: Wäre es nicht verständlich, wenn Chinesen jeden Alters heute vor politischen Veränderungen ganz gleich welcher Art zurückschreckten, weil dabei in der Vergangenheit immer nur mehr Gewalt erzeugt wurde?

WEI: Wir suchen nach einem gewaltlosen Weg zur Demokratie in China. Dafür brauchen wir mehr Entschlußkraft und Überzeugung als für eine gewaltsame Revolution.