Nichts ist in Rußland unmöglich. Auch nicht, daß der nächste Präsident vielleicht Alexander Lebed heißt. Er selbst jedenfalls läßt keinen Zweifel, daß er nach diesem Amt strebt. Und der selbstbewußte Titel, den das deutsche Übersetzerteam seiner Autobiographie gegeben hat, "Rußlands Weg", erhebt den Kandidaten auch noch in den Rang eines Propheten. Im Original jedenfalls klingt er weitaus bescheidener: "Einer Großmacht unwürdig".

In geradezu epischer Breite schildert Alexander Lebed seinen militärischen Lebensweg - vom "Hinterhofboxer" bis zum Sicherheitsberater Boris Jelzins.

Wir erfahren, wie die Aufnahmeprüfungen auf sowjetischen Offiziersschulen abliefen, wie Ausbildung und Alltag in den Kasernen aussahen und wie der erste Fallschirmsprung des späteren Helden endete - mit einem dreifachen Bruch des Steißbeins.

Bei alldem erweist sich Lebed keineswegs als unsensibler Kommißkopf. Mit schonungsloser Offenheit schildert er die bedrückende Atmosphäre von Demütigung und Erniedrigung, unter der vor allem die jungen Rekruten zu leiden haben die skrupellosen Privatgeschäfte, zu denen Offiziere ihre Soldaten benutzen den erbärmlichen Zustand des militärischen Geräts und die Desolatheit der Befehls- und Führungsstrukturen. Lebeds aktuelles Fazit: Die russischen Streitkräfte gehen dem "totalen Zerfall und Chaos" entgegen.

Beklemmend und detailgenau bis zur Grenze des Erträglichen ist Lebeds Schilderung des Afghanistan-Kriegs, jenes "politischen Wahns", dessen traumatische Folgen bis heute die russische Gesellschaft prägen. Wobei ein weiteres Mal seine Offenheit verblüfft. Auch er, so gesteht er, sei in Afghanistan ein Anhänger des "Prinzips der verbrannten Erde" gewesen.

Seither, so scheint es, hat sich mit dem "Militärmenschen" Lebed eine allmähliche Wandlung vollzogen. Nicht nur, wie er ohne nähere Erläuterung behauptet, vom Kommunisten zum orthodoxen Christen, sondern auch vom Kriegshandwerker zum Anhänger ziviler Lösungen. "Alles ist lösbar - ohne Krieg" lautet heute sein Motto.

An den derzeitigen Zuständen in Rußland und der politischen Führung des Landes läßt Lebed kein gutes Haar. Das heutige Rußland werde beherrscht von Gesetzeswillkür und Korruption auf allen Ebenen. Die Wirtschaftslage in Rußland sei katastrophal. Das Land bewege sich nicht auf eine Demokratie zu, sondern auf eine Oligarchie, die ihre Wurzeln im verbrecherischen Milieu habe.