Halb Reykjavøk wünscht Klaus Kinkel zum Teufel, weil der deutsche Außenminister das Goethe-Institut in der isländischen Hauptstadt zum 31. März nächsten Jahres schließen will. Im Institut, vierter Stock in der Tryggvagötu, stehen vor den gutbestückten Bücherregalen Transparente protestierende Germanistikstudenten trugen sie durch Reykjavøks Straßen: GOETHE SKAL LIFA, Goethe soll leben. Theaterleute, Museumsdirektoren, Professoren, Schriftsteller, Industrielobbyisten, der Bischof gemeinsam mit der hochverehrten Exministerpräsidentin Vigdis Finnbogadóttir haben einen Appell an Kinkel unterschrieben. Das Allthing, das Parlament, hat in einem Entschließungsantrag die Deutschen aufgefordert, sich die Sache zu überlegen.

Aus dem Außenministerium raunt per Telephon eine Quelle, die nicht genannt werden darf, Diplomatisches: Außenminister Halldór Asgrimsson sei doch vor den Vereinten Nationen so ausdrücklich für den ständigen Sitz der Deutschen im Sicherheitsrat eingetreten - nun aber dies, man sei doch sehr überrascht.

Und noch weit nach Mitternacht, wenn wochenends in den proppenvollen Kneipen rund um das Allthing eine Art allgemeiner alkoholischer Eruption die Isländer plötzlich gesprächig macht, kann das Stichwort Goethe an jedem Tresen starke Worte provozieren. "Ja, damit haben sie nicht gerechnet", freuen sich dröhnend die 120 Kilo eines stadtbekannten Advokaten nach dem x-ten Fünfzehn-Mark-Bier, "daß dieses kleine Land das so wichtig nimmt und gegen den großen Minister des großen Deutschland aufmuckt."

Klein und groß - die Isländer haben ihren ganz eigenen Maßstab dafür. Weil die 270 000 Menschen auf ihrer Insel mitten im Atlantik zwischen Europa und Amerika von den Großen der Welt gern übersehen werden, haben sie eine Methode gefunden, sich großzurechnen - die Pro-Kopf-Formel. Mit Halldór Laxness zum Beispiel hat Island genau einen Literaturnobelpreisträger. Pro Kopf der Bevölkerung allerdings müßten etwa die Amerikaner tausend Nobelpreisliteraten aufweisen, um mit den Isländern gleichzuziehen - zehnmal mehr als überhaupt bis heute diesen Preis bekommen haben.

Die Isländer sind, so gerechnet, deshalb die literarisch, musikalisch und künstlerisch interessiertesten Menschen der Welt. Und natürlich nutzt deshalb auch kein Volk der Erde sein Goethe-Institut so rege wie die Leute von Island. Pro tausend Einwohner nahmen zum Beispiel 1995 exakt 21,4 Isländer an den Kursen des Goethe-Instituts teil - Weltspitze. Weit abgeschlagen folgt mit nur 3,1 Teilnehmern der zweite, Schweden. Das große Amerika liegt mit nur 0,6 Interessenten hinter Ländern wie Estland, Spanien, Dänemark. Klaus Kinkel hätte sich deshalb denken können, daß die Schließung des kleinen Instituts am Rande der Welt nicht still hingenommen würde.

Aber nicht nur nach der Pro-Kopf-Formel hat Goethe für die Isländer Gewicht.

Die Instituts-Chefin Coletta Bürling, sie soll Ende März nach zwanzig Jahren Dienst mit 800 Mark vor der Zeit in Rente gehen, ist in Reykjavøks überschaubarem Kulturleben eine feste Größe. Sie hat den Isländern deutschsprachige Dichter wie Jurek Becker, Ulla Hahn, Sarah Kirsch, Günter Kunert, Sten Nadolny und Christoph Ransmayr vorgestellt. Die Biermösl Blasn hat auf Bürlings Einladung ihre Alphörner über Lavafelder geschleppt. Der entschiedene Nichttänzer Gerhard Polt hat auf einem deutschen Heimatabend das Tanzbein schwingen müssen - wia im richtigen Lebn. Und eineinhalb Jahre nachdem Werner Herzog auf einem Goethe-Abend erzählte, wie er seine erste richtige Filmkamera klaute, hat einer der animierten Zuhörer den ersten isländischen Spielfilm gedreht.