Die kurze Rede wurde zur Legende: Unangekündigt ergriff auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß im Oktober 1947 in Berlin der damals siebenundzwanzigjährige amerikanische Journalist Melvin J. Lasky das Wort.

Seine Kritik an der Unterdrückung des freien Wortes in der Sowjetunion verdarb den sowjetischen Kulturoffizieren und Autoren, die angereist waren, um die gesamtdeutsche Versammlung auf den "humanistischen Friedenskampf" gegen den "westlichen Imperialismus" einzuschwören, einen fast perfekt vorbereiteten Propagandacoup.

Liest man in dem jetzt endlich vollständig veröffentlichten Tagungsprotokoll die Ansprache Laskys im Wortlaut, stellt man überrascht fest, wie moderat der junge Amerikaner seine Attacke auf die stalinistische Repression formuliert hat. Ausführlich spricht er zunächst über Zensur- und Einschüchterungsversuche der amerikanischen Regierung gegenüber sozialkritischer Literatur und über die Anstrengungen zur Verteidigung der schriftstellerischen Freiheit in seinem eigenen Land. Hätte er seine Rede danach beendet, wäre er vom prokommunistischen Teil des Auditoriums vermutlich stürmisch beklatscht worden. Dann jedoch berichtet er, daß Lew Trotzkijs Stalin-Biographie in den USA jahrelang nicht erscheinen durfte, weil man den kriegsverbündeten "Uncle Joe" nicht verärgern wollte. Und am Ende weist er darauf hin, daß "auch" sowjetische Künstler "den Druck und die Zensur" zu spüren bekämen, wobei er namentlich Schikanen gegen Sergej Eisenstein und G. F. Alexandrow erwähnt.

Das stalinistische Terrorsystem ist in Laskys vermeintlich antikommunistischer Brandrede also noch ziemlich gut weggekommen. Und doch wirken seine Ausführungen, in ihrer klaren, unumwundenen Aussage, unter den Vorträgen des Schriftstellerkongresses wie ein Fremdkörper. Sie enthalten nur einen einzigen, prinzipiellen Gedanken: Die Freiheit der Literatur von jeglicher staatlicher Bevormundung muß uneingeschränkte Geltung haben.

Während die deutschen Schriftsteller aus Ost und West, von Günter Weisenborn bis Johannes R. Becher, von Rudolf Hagelstange bis Anna Seghers, in pathetischen Worten von der Literatur verlangen, sie müsse die großen Ideale des Humanismus, des Friedens und der Völkerfreundschaft befördern, formuliert Lasky gar keine Forderung an die Literatur, sondern nur eine an alle Regierungen und alle Gesellschaftsordnungen: die Schriftsteller in Ruhe schreiben zu lassen, was sie wollen.

Darin manifestiert sich eine grundlegende Differenz in der Auffassung von künstlerischer Freiheit. Lasky versteht darunter nichts anderes als die institutionelle Absicherung uneingeschränkter Ausdrucksmöglichkeit. Die frisch vom Nationalsozialismus erlösten deutschen Autoren wollen die gewonnene Freiheit dagegen durch eine fundamentale geistig-moralische Läuterung mit einem positiven Sinn ausfüllen. So viel Idealismus war natürlich ausbeutbar, an erster Stelle durch die Kommunisten, die die humanistische Emphase geschickt auf ihre Mühlen zu lenken wußten. Die Freiheit von etwas reiche ethisch nicht aus, erklärte der Exnationalbolschewist Ernst Niekisch auf dem Kongreß, es müsse eine Freiheit zu etwas, hin zur solidarischen Einbindung sein, und Anna Seghers stellte klar, die Freiheit, die sie meine, sei nicht die "Freiheit der Nihilisten", die da laute: "Alles ist erlaubt."

Laskys Ausführungen paßten auch in anderer Hinsicht nicht ins Bild. Der Schriftstellerkongreß stand im Zeichen des Bestrebens, die drohende Spaltung des deutschen Geisteslebens zu verhindern und die Gemeinsamkeit des nationalen Kulturerbes zu betonen. Wie so oft, wenn in Deutschland von Kultur geschwärmt wird, lösten sich die Konturen der politischen Realität dabei jedoch in rhetorischen Nebelfeldern auf. Während die Schriftsteller noch sentimentale Bekenntnisse zum unteilbaren deutschen Geist (in seiner guten, der Goethe- und Schillervariante) ablegten, war Deutschland schon zum zentralen Kampffeld unvereinbarer Gesellschaftssysteme geworden. Mit Laskys Rede brach ein Stück dieser Realität in die Verbrüderungsatmosphäre des Kongresses ein. Die konkrete Frage lautete, ob der neue deutsche Staat auf institutionelle Freiheitsgarantien gegründet sein sollte oder auf eine wie immer geartete innere Berufung zur universellen Humanität, die alle Beteiligten, vorneweg die sowjetischen Kulturfunktionäre, in glühenden Bekenntnissen für sich reklamierten.