Die aktuelle konservative Kritik ist völlig schief gewickelt, wenn sie linksliberalen Autoren wie Günter Grass oder Walter Jens immer wieder vorwirft, sie hätten die deutsche Zweistaatlichkeit aus antinationalistischer Vaterlandsvergessenheit hingenommen. Die deutsch-deutschen Schriftstellergespräche der achtziger Jahre waren, jedenfalls was die Westseite angeht, tief patriotisch motiviert. Es ging Grass darum, die Idee der einen "deutschen Kulturnation" als widerständiges Potential gegen den "Rüstungswahn Ost und West" zu aktivieren, der "alle Köpfe besetzt und das Denken militarisiert hat". So verschwimmt bei ihm das Bewußtsein vom konstitutiven Unterschied zwischen einer freiheitlichen Ordnung und einem System, das auf ideologischer Willkür beruht. Die Verständigungsschwierigkeiten zwischen ost- und westdeutschen Schriftstellern erscheinen ihm als Folge einer fremden Konfrontationslogik, die den eigentlich konsensfähigen, weil kulturell verbundenen Deutschen beider Seiten von außen aufgezwungen werde.

Man höre und staune, wie Grass während einer Diskussion in der Akademie der Künste im Januar 1985 seinen Gebrauch des Begriffs "deutsche Kulturnation" begründet: "Ich möchte aus unserer deutschen Geschichte den Schluß ziehen, einen so wichtigen Begriff wie den der Nation nicht der anderen Seite" - Grass meint hier die Rechte - "zu überlassen. (...) Aus Angst, über so etwas zu sprechen, aus Angst, als Nationalist beschimpft zu werden, flüchtet man ins Internationale oder Europäische. Das liegt vielleicht auch daran, daß durch die politischen Vorgänge, die mit Kultur nichts zu tun haben (...), nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik deutlicher (...) geworden ist, daß wir ein besetztes Land sind, daß wir eine begrenzte Souveränität haben und daß die Probleme, in die wir seit 1933 hingeraten sind und die durch die bedingungslose Kapitulation 1945 besiegelt wurden (...), auf unsere Grenzen und Unmöglichkeiten tagtäglich zurückverweisen."

Die Zweistaatlichkeit erschien Grass als Voraussetzung dafür, daß sich die gemeinsame deutsche Kultur - als das eigentlich Wesentliche der deutschen Identität - möglichst ungestört durch schnöde staatlich-politische Querelen entfalten konnte. Dieses Modell bildete noch den Hintergrund für die Linie, die der Akademiepräsident Walter Jens in der Frage der Fusion mit der Ost-Akademie im wiedervereinigten Deutschland einschlug. Der Beschluß, die DDR-Akademie der Künste per Enbloc-Aufnahme ihrer Mitglieder in die neue Gesamtakademie zu integrieren, realisierte gleichsam im Kleinen, was im Großen, Politischen nicht gelang. Linksliberale wie Jens hatten von einer gleichberechtigten Staatenföderation BRD-DDR geträumt, weil sie die Wiedervereinigung auf der Basis des bundesdeutschen Grundgesetzes als Akt westlicher Kolonisierung des deutschen Ostens betrachteten. Im Akademiestreit 1992/93 reproduzierte sich das Schema von 1947: Ein antipolitischer Glaube an den unberührbaren Eigenwert der Kultur führte dazu, daß grundlegende Systemdifferenzen übersehen wurden. Die Ost-Akademie wurde als Ausdruck eines besonderen Elements deutscher kultureller Identität betrachtet, dessen Würde nicht durch Eingriffe von außen verletzt werden dürfe. Jens und seine Freunde konnten oder wollten nicht sehen, daß die Ost-Akademie kein Forum von Kultur im freiheitlichen Verständnis, sondern konstitutiv eine Untergliederung der Diktatur war. Mit deren Verschwinden stand sie ohne Legitimationsbasis dar, und es hätte daher nur die individuelle Aufnahme einzelner ihrer Mitglieder in eine neubegründete, staatsferne Akademie in Frage kommen dürfen, nicht aber eine posthume Nobilitierung der alten DDR-Institution.

Einmal mehr sahen sich im Akademiestreit deutsche Kulturschaffende bei ihren nationalen Harmonisierungsbemühungen von einer abstrakten und, wie sie meinten, kulturfernen Systemlogik gestört. Als Spielverderber betätigten sich diesmal die ehemaligen Ost-Dissidenten um Wolf Biermann, Hans-Joachim Schädlich, Günter Kunert und Sarah Kirsch: Sie weigerten sich, einer "Schlupfbude" für ehemalige Staatskünstler anzugehören, die sich einst an der Unterdrückung einer freien Literatur beteiligt hatten und nun ungeprüft Akademiemitglieder eines demokratischen Landes werden sollten.

Pauschalisierende, dogmatische Zungenschläge gab es in diesem mit sturdeutscher Verbissenheit der humorlosesten Art geführten Streit zweifellos auch auf der Seite der Dissidenten. An den Protokollen der Akademie (Ost) kann man erkennen, wie geteilt die Gedanken und Gefühle ihrer Mitglieder in der Endphase der DDR in Wirklichkeit waren. Fassungslos liest man einerseits, wie Stephan Hermlin während einer Akademie-Diskussion am 13. Dezember 1989 den gewaltsamen Einsatz der Nationalen Voksarmee für den Fall befürwortet, daß sich aus den Montagsdemonstrationen, wo inzwischen "Wir sind ein Volk"-Rufe den Ton angaben, eine "rechte", antisozialistische Bewegung entwickeln sollte. Aber man nimmt auch berührt den entschiedenen Widerspruch Christa Wolfs zur Kenntnis, die vor einer Verteufelung der Wiedervereinigungsbefürworter warnt, ihr Recht aufs Andersdenken verteidigt und sich selbstkritisch über ihr bisheriges einliniges Pro-DDR-Denken äußert.

Daß die deutsch-deutschen Kulturharmonisierer sich am Ende mit ihrem En-Bloc-Vereinigungskonzept - um den Preis des Fernbleibens von Symbolfiguren des antitotalitären Widerstands wie Václav Havel oder Wolf Biermann - durchsetzten, ließ die Akademie an den Rand der Bedeutungslosigkeit abstürzen. Aber der Einblick in die Dokumente der West-Akademie läßt ohnehin die Ehrfurcht vor dieser Zentralinstitution der Geistesriesen schwinden.

Etwa, wenn man sieht, mit welcher vereinsmeierischer Indolenz dort zuweilen über die Aufnahme neuer Mitglieder beraten wurde: Heidegger nahm man auf, Ernst Jünger dagegen schien wegen seiner Vergangenheit nicht opportun.