Sonderlich überrascht waren die Beamten der preußischen Gewerbeaufsicht nicht, als sie erfuhren, unter welchen Bedingungen die rund 300 Italiener beim Bau einer Talsperre in der Nähe von Arnsberg schufteten. In dem Protokoll, das die Inspektoren im Jahr 1901 verfaßten, stellten sie nüchtern fest, daß der kontrollierte Bauunternehmer den ausländischen Arbeitern anstelle von festem Lohn ein illegales Wertmarkensystem aufgezwungen hatte: Waren des alltäglichen Bedarfs wurden damit zu überhöhten Preisen verrechnet.

Bereits um die Jahrhundertwende sorgte die Beschäftigung von Ausländern in der deutschen Bauwirtschaft für heftige Debatten. Kaum jemand weiß heute noch, daß auf den Baustellen des Kaiserreichs Italienisch neben den verschiedenen deutschen Dialekten die meistgesprochene Sprache war. Fundierte Untersuchungen dieses Aspekts deutscher Sozialgeschichte suchte man bislang vergeblich. Um so wichtiger ist Adolf Wennemanns Regionalstudie über italienische Arbeiter im Kaiserreich.

Insgesamt kamen in den Jahren zwischen 1890 und 1914 schätzungsweise über eine Million Italiener zur Arbeit nach Deutschland die Statistiken sind zwar lückenhaft, doch allein im Jahr 1907 suchten rund 200 000 Männer und Frauen aus dem Veneto, der Lombardei oder den Abruzzen Lohn und Brot nördlich der Alpen. Die meisten waren Saisonarbeiter, kehrten im Winter wieder nach Italien zurück. Viele der Migranten hatten keine handwerkliche Ausbildung, sondern arbeiteten in Deutschland als Angelernte und Handlanger. Zu einem geringeren Prozentsatz kamen aus Italien aber auch gesuchte Spezialisten, die in Deutschland entsprechend gut bezahlt wurden, etwa Stukkateure, Mosaikleger, Tunnelbauer und Steinmetze.

Unter deutschen Gewerkschaftern war die Haltung zur Ausländerbeschäftigung umstritten und nicht zuletzt von der Konjunkturlage abhängig. Einerseits bemühte man sich, die fremden Arbeiter als Kampfgenossen zu gewinnen, andererseits gab es auch immer wieder scharfe Attacken gegen die "Lohndrücker und Streikbrecher aus Italien".

Bei der historischen Beurteilung sollten branchenspezifische und regionale Unterschiede nicht verschwimmen. So nutzten die einzelnen Bundesländer schon damals ihre Handlungsspielräume. Zu Recht weist daher René Del Fabbro in einer ebenfalls kürzlich publizierten Untersuchung auf die diesbezüglichen Differenzen zwischen den süddeutschen Staaten und Preußen, das eine sehr restriktive Ausländerpolitik verfolgte, hin. Gemeinsam schließen die Studien Del Fabbros und Wennemanns eine Forschungslücke.

Adolf Wennemann: Arbeit im Norden Italiener im Rheinland und Westfalen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 1997 218 S., 46,- DM

René Del Fabbro: Transalpini Italienische Arbeitswanderung nach Süddeutschland im Kaiserreich 1870-1918 Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 1996 312 S., 52,- DM