Auf der Titelseite steht: "Jules Verne" - richtig. "Reise mit Hindernissen nach England und Schottland" - richtig. "Roman" - falsch. Als Kenner des epochemachenden Werkes "Formprobleme des Romans" (genauer: einer mittelmäßigen, ungedruckten Doktorarbeit) weiß ich, daß beinahe jeder Prosa-Text, der länger als zweihundert Seiten ist, "Roman" genannt werden kann.

Dennoch wird aus einer Reisebeschreibung kein Roman schon dadurch, daß der Autor (Jules Verne) sich selber Jacques Javaret nennt und seinen Reisebegleiter (den Komponisten Aristide Hignard) Jonathan Savournons. Dazu gibt es in der lustig frechen Beschreibung einer Seereise, die Verne im Sommer 1859 unternommen hat, nur noch eine Episode, die als fiktiv gelten darf. Da wird die Satire mit geradezu visionärer Kraft übertrieben. In Glasgow "kamen sie an einem Metzgerladen vorüber, in dem eine merkwürdige, dampfbetriebene Maschine arbeitete. Es handelte sich um einen höchst raffinierten Apparat: Man schob ein lebendiges Schwein an einem Ende hinein, und es kam am anderen in Gestalt von appetitlichen Würsten wieder heraus!"

Die Übersetzerin Elisabeth Ertl trifft Vernes eher spöttischen als bösartigen Ton recht gut. Nur selten passieren ihr merkwürdige Fehler wie dieser: Jacques wundert sich, warum der Kapitän auf seinen täglichen Guten-Morgen-Gruß so sauer reagiert. Jonathan belehrt ihn: er sage ja "good mourning" statt "good morning", und der Kapitän müsse daher "gutes Trauern" verstehen. Was, so übersetzt, Quatsch ist denn "morning" und "mourning" werden im Englischen ja völlig gleichlautend ausgesprochen.

Schließlich verblüfft noch ein Anmerkungs-Apparat, der die kleine Reisebeschreibung ins Akademische bugsiert. Dafür fehlen bei den hübschen, wenn auch schlecht reproduzierten Stahlstichen die Bildunterschriften, so daß der Leser mehr wissen muß als der Lektor, wenn er daraus schlau werden will.

Gleichviel. Das liest sich alles recht nett. Es stimmt auch alles, wenn man die satirischen Übertreibungen nicht zu ernst nimmt. Warum also hat es schon der französische Verleger 130 Jahre lang liegenlassen, ehe er es 1989 veröffentlichte ("Voyage à reculons en Angleterre et en Ecosse").

Nun, aus dem gleichen Grund, der dazu veranlaßt, von dem Büchlein nicht im Ressort "Reise", sondern auf einer "Literatur"-Seite zu berichten. Bald danach schrieb Jules Verne ja "Voyage au centre de la terre" (1864), "Vingt mille lieues sous les mers" (1869) und "Le tour du monde en 80 jours" (1873), die Romane also, die ihn weltberühmt gemacht haben. Er hatte es noch immer mit Reisen, jedoch jetzt mit solchen, die er selber nicht machen konnte, weil es die technischen Möglichkeiten dafür noch nicht gab. Er wurde damit der große Autor des "Zukunftsromans", der sich von der Utopie wie von der Science-fiction dadurch unterscheidet, daß er sich im Rahmen einer technischen Entwicklung bewegt, die auf Vernes Phantasievorstellungen hinläuft (wie es sich inzwischen auch hier und da schon gezeigt hat).

Jetzt war er nicht mehr nur Trittbrettfahrer immer zahlreicher und schneller werdender Verkehrsmittel, die zur weltweiten Bewegung des Tourismus führten.