Als Georg Kreisler vor vielen Jahren in einem seiner Lieder "Schnitzler in Hollywood" besang, konnte er solch fiktivem Gipfel des Paradoxen, wenn die Erinnerung nicht trügt, nur mit dem resignativen Hinweis auf den lieben Augustin begegnen: Alles ist hin ... Mittlerweile sind wir an die internationale Allgegenwart von Kunst und Künstlern gewöhnt. Das ist auch gut so. Nur verschwenden wir selten einen Gedanken daran, was denn dabei über die bloße Aktion hinaus bedeutsam sein möge. Je weiter der sogenannte Kulturaustausch greift, um so komplizierter werden Vermittlung und Verständigung.

"Edvard Munch in Shanghai", beispielsweise, ist kein Witz, sondern eine aktuelle Ausstellung, wie sie dem chinesischen Publikum im übrigen nicht ferner sein könnte. Was Emil Schumacher in Paris bewirkt, ist eine näherliegende Frage, zumal ihr seit kurzem nachzugehen ist: Der große Maler, im August dieses Jahres 85 Jahre alt geworden, zeigt in der Galerie Nationale du Jeu de Paume seit den sechziger Jahren entstandene Gemälde sowie Arbeiten auf Papier - eine üppige, einer Retrospektive gleichkommende Schau, die das Pariser Ausstellungsinstitut gemeinsam mit der Hamburger Kunsthalle und dem Haus der Kunst in München erarbeitet hat. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht, trotz Schumachers Rang als Maler und des Bekanntheitsgrades seines Werks im eigenen Land. Diese Kooperation ist die erste, welche die Galerie Nationale mit deutschen Kunstinstituten überhaupt unternimmt, und sie gilt einem Künstler, der sehr wohl international ausstellte - zum Beispiel in großen holländischen Museen -, der in Frankreich aber nahezu unbekannt ist.

Einem Publikum mit Interesse für Gegenwartskunst konnten in den achtziger Jahren Richter, Baselitz oder Kiefer als internationale Stars unverkennbar deutscher Provenienz erscheinen. Emil Schumacher war nicht dabei, und daß er Ende der fünfziger Jahre auf Pariser Galerieausstellungen präsent gewesen war, spielte keine Rolle mehr. Sein Werk, so heißt es im Katalog der Jeu-de-Paume-Schau, gehöre zu denen deutscher Künstler, die (auf französischer Seite) "zu der Einsicht zwingen, die ihnen zugehörige Kunstgeschichte müßte erst noch geschrieben werden".

Daß der Zweite Weltkrieg Grenzen zog, welche die Auseinandersetzung mit deutschen Malern der unmittelbaren Nachkriegszeit in Frankreich bis heute verhinderten, ist eine Tatsache, der man im Kunstbetrieb der jüngeren Vergangenheit kaum mehr gewärtig wurde. Um so imponierender ist nun die Pariser Hommage an den 85jährigen Schumacher. Eine Parade raumgreifender Malerei und eine Abteilung von Gouachen und Zeichnungen, welche die stete Wechselwirkung von Linie und Fläche, von Farbe und zeichnerischem Eingriff auf ihre je spezifische Weise demonstrieren. Vor allem: Die Anwesenheit ungebrochener bildnerischer Kraft und jener hochgestimmten Balance zwischen Ausdruck und Überlegung, zwischen Farbmaterie und Bildzeichen, Abstraktion und Naturempfindung, wie sie sich seit Jahrzehnten in Schumachers Werk entwickelte und fortwährend weiterlebt. Eine "Ursituation der Menschheit" sieht Peter Handke in diesen Arbeiten verkörpert: Die "einstige Zwischenstation zwischen spontanem, zeichenlosem Reden und den ersten Anzeichen einer Schrift ... eine Art Vorwelt ... Ursprungsbilder, aus der Nacht der Zeiten gekommen".

Der Gewohnheit französischer Kunstpublikationen folgend, die Künste als parallele Erscheinungen zu betrachten und zu deuten, luden die Veranstalter Handke ein, Emil Schumachers Werk in einem Katalogbeitrag vorzustellen. Man spürt in diesem Text den frischen Blick und die eher zögernde Annäherung an eine Bildsprache, die dem Schriftsteller fern - und zunehmend fesselnd erschienen ist.

Wieviel der Maler mit dem Informel im Paris der ersten Nachkriegsjahre zu tun hat, wie eng seine Kunst mit der existentiellen Gegenwärtigkeit in der "Materialmalerei" eines Wols oder Fautrier verbunden war, wird an anderer Stelle beschrieben und erläutert dem französischen Publikum europäische Gemeinsamkeiten. Die Verletzungen der Geschichte, die Spuren der Zeit in den schrundigen Oberflächen der Bilder Schumachers sieht Handke darüber hinaus aus einer "Art Zwischenzeit" kommen, zwischen übermächtigen Vätern und einer nachfolgenden Generation, die auf so etwas wie Macht aus sei. "Schumachers Zeit, die erst verspätet ... beginnen durfte, ist eine fern jeder Macht".

Ein kluger Gedanke. Er führt Schumachers Malerei auf sich selbst zurück, hin zu dem Dialog zwischen Maler und Malmaterie, wie er sich immer wieder von neuem und in aller Freiheit entfaltet. Darin liegt Schumachers besondere Souveränität damit hat auch die Alterslosigkeit seines Werks zu tun und die Fähigkeit, mit jedem Bild ganz und gar gegenwärtig zu sein. Voller Ausdruck und ausbalancierter Bewegtheit. Aber fern aller Macht. Das ist eine Botschaft, die das Publikum erreichen könnte.