Was für eine schöne Bescherung. Und das vier Wochen vor Weihnachten. Der Kommentar aus den Reihen der Zuschauer brachte die Sache auf den Punkt.

"Boah! Da muß 'ne alte Frau lange für stricken." Umgehend gab auch der Richter namens Kilian Wucherpfennig zu verstehen, daß eine Abfindung in Höhe von 410 000 Mark die Sphären normaler Arbeitnehmer doch weit hinter sich lasse. Aber hier forderte ja nicht irgendwer sein Recht und schon gar keine Frau, die auf die Idee käme, ihr Geld mit Handarbeiten zu verdienen.

Arbeitsgericht Hannover, Aktenzeichen 3 Ca 688/97. Margarita Mathiopoulos, hellblaue Bluse, Busineßkostüm, hohe Pumps, gegen die Norddeutsche Landesbank, vertreten durch ihren Justitiar und die Hamburger Anwältin Gisela Wild, knittrige Robe, aber gleichfalls nicht auf flachem Fuß. Schon im Vorfeld hatte die Klage der Vierzigjährigen das Interesse der Öffentlichkeit gefunden. Bild: "Schöne Griechin will eine Million".

Ziemlich komplizierte Angelegenheit, das Arbeitsrecht. Unübersichtlich und noch dazu ständig im Fluß. Manches allerdings erinnert durchaus an das Scheidungsrecht. Auch im vorliegenden Fall hatte alles so schön angefangen, damals vor fünf Jahren. Der NordLB-Vorstand Manfred Bodin, früher mal Kreissparkassendirektor, holt die promovierte Historikerin und Publizistin, die 1987 beinahe SPD-Sprecherin geworden wäre, an die Leine. So etwa nach der Idee: Wir heuern uns ein Superweib, gewandt, eloquent und mit exzellenten Kontakten, das mal eben unser Image aufpoliert. Schnell ist der Vertrag entworfen und die Wunschkandidatin zur Leiterin Kommunikation und internationale Beziehungen ernannt. Jahresgehalt: 250 000 Mark plus Dienstwagen. Daß die zielstrebige Bankdirektorin auch noch Dozentin ist und überdies transatlantisch umtriebig, scheint der Sache eher dienlich zu sein.

Macht die neue Kollegin nicht auf jedem Parkett eine präzise Figur? Ob sie nun bei einer Buchpremiere in Bonn die Exzellenzen, Legationsräte und Ministerialdirigenten in der protokollarisch korrekten Reihenfolge aufführt.

Ob sie, vierzehntäglich, die Studenten der Braunschweiger TU einführt in "Internationale Politik: Theorie und Praxis". Oder bei Jil Sanders Dinner im Hamburger Restaurant "Le Canard" eine Begleitung ablehnt mit dem kleinen Hinweis "Mein Fahrer wartet draußen": Stets ist sie gut vorbereitet, sehr gut angezogen und bestens munitioniert.

Zunächst scheint die Rechnung aufzugehen. Im Bankenrating des Manager Magazins prescht die biedere NordLB 1994 um glatt acht Plätze nach oben. Nur Wirtschaftsjournalisten maulen, Frau Mathiopoulos bediene sie hochfahrend und habe keine Ahnung vom Geldgeschäft. Das hören ihre Feinde in der Bank gern und ziehen die Fäden. "Die ist doch nie da", zischelt es am Georgsplatz.

Halte wohl lieber Vorträge zum Stückpreis von 8000 Mark. Von Abnutzungserscheinungen ist die Rede, auch vom dramatischen Anstieg der Überstunden in ihrer Abteilung, wenn sie denn mal im Hause sei. Einmal habe sie gar zwei Angestellten, so ganz privat, 2900 Mark gezahlt. Also die Gleitzeitordnung unterlaufen. Wenn das jeder Abteilungsleiter täte.

Schließlich soll Manfred Bodin gerügt haben: "Sie gerieren sich in Ihren Äußerungen wie ein Vorstandsmitglied." Nein, das lieben die Herren nicht.

Wie aber den Paradiesvogel loswerden? Man erinnert sich, daß der Arbeitsvertrag ja gottlob von Anfang an befristet war: bis zum 30. Juni 1997 nämlich. Also einfach nicht verlängern, denkt sich der Vorstand. Von wegen.

Nun bekommen die Juristen zu tun: sofortige Beurlaubung Ende Mai, Lösungsvorschläge der Entlassenen, ein geplatzter Gütetermin und Ende Oktober "vorsorglich" gleich zwei fristlose Kündigungen. Was helle Panik verrät angesichts der Aussicht, der Gegnerin den Müßiggang noch weiterfinanzieren zu müssen. "Da will einer mit dem Kopf durch die Wand", kombiniert Frau Mathiopoulos. "Völlig irrational."

Nun also, am 20. November, die Entscheidung im Sitzungssaal 4. Eine Befristung in einem Arbeitsvertrag? Richter Wucherpfennig blinzelt ungeduldig. Wäre von vornherein allenfalls denkbar mit einer sachlichen Begründung. Schließlich gibt es ja noch so etwas wie den Kündigungsschutz.

Üblich sei eine solche Übereinkunft hier und da bei Vorständen dem gehörte die Angestellte ja freilich nicht an. Und sei in einem Arbeitsverhältnis nicht der Arbeitgeber allemal der stärkere Part?

Gisela Wild möchte nun doch etwas weiter ausholen, um deutlich zu machen, mit wem man es hier zu tun habe - einer Frau mit zwei Gesichtern nämlich. Einmal die kluge Wissenschaftlerin, die sich mit den Großen dieser Welt austausche "und die ich ausdrücklich respektiere", und dann die andere, die hier die "kleine Arbeitnehmerin" gebe. Für einen kurzen Moment sieht Richter Wucherpfennig irritiert aus, als habe man ihn gebeten, einen Streit zwischen zwei Marktfrauen zu schlichten.

Und dann dieses Buch, setzt Gisela Wild nach. "Die geschlossene Gesellschaft und ihre Freunde", erschienen im Oktober. Da werde über die Bank hergezogen.

Angedeutet, Landesbanken gehörten abgeschafft. Es gebe eben bestimmte Vorstellungen darüber, wie sich eine Pressesprecherin in der Öffentlichkeit zu äußern habe. So jedenfalls nicht.

Wucherpfennig sieht nun den Augenblick gekommen, für einen Vergleich zu werben, indem er beiden Seiten vor Augen führt, was sonst folgt. Ein Kalkül, das seine Wirkung nicht verfehlt. Hektisch schiebt die Klägerin ihr Kaugummi in die linke Backentasche, als Gisela Wild ruft: "Wir wollen auf gar keinen Fall, daß sie in die Bank zurückkommt. Das kann nur schrecklich werden."

Zweimal ziehen sich die Parteien zur Beratung zurück, dann steht das Protokoll: Jahresgehalt plus sechs Monatsgehälter plus Dienstwagen, einen BMW - ja, was ist das noch einmal für ein Typ? Mathiopoulos, schon Triumph im Blick, wendet sich, in einem kurzen Moment der Ratlosigkeit, an ihren Ehemann, den CDU-Bundestagsabgeordneten Friedbert Pflüger. Der souffliert rasch aus der ersten Reihe: ein BMW 523, anderthalb Jahre alt. Obendrauf damit, als geldwerten Vorteil. Gleich setzt die Anwältin Claudia Kothe-Heggemann nach: Die Steuer dafür habe ebenfalls der Arbeitgeber zu übernehmen, klar? Fehlt nur noch die Erklärung der Bank: Man trenne sich "in gegenseitigem Einvernehmen". Ah ja. Das einzige, was dem Arbeitgeber von seiner früheren Sprecherin bleibt, ist ein Handy. Und zwar mit Karte. Ein Arbeitsrichter überläßt nichts dem Ungefähr.

So richtig leid scheint es dem Bankhaus um das Geld nicht zu sein. Ist der Schaden nun durch den Prozeß nicht viel größer, als wenn man sich vorweg gütlich geeinigt hätte? "Nicht so groß wie der Schaden, den Frau Mathiopoulos uns zugefügt hat", erklärt Eicke Florkowski, der Justitiar, mit einem schmalen Lächeln.

Und welche Lehre nimmt die Gekündigte mit aus dem Fall? Mathiopoulos grimmig: "Daß man seinen Chef mehr anhimmeln muß." So gibt es denn unter den wenigen Frauen auf Deutschlands Führungsposten eine weniger. Sorgen muß man sich wohl dennoch nicht machen. Sie sei, versichert die Exbankdirektorin den Journalisten, während sie die Tasche mit dem Schriftzug des World Economic Forum über die Schulter wirft, in "sehr konkreten Gesprächen" mit einem neuen Arbeitgeber. Nicht in Niedersachsen, versteht sich.