BERLIN. - Der Putz blättert, die Fassade bröckelt, zehn Stockwerke nichts als Tristesse. "Warum", fragt drohend das mannshohe Plakat mit dem Photo des verfallenen Plattenbaus, "wollen Sie hier noch wohnen?" Der Betrachter fühlt sich ertappt wie bei der Waschmittelreklame mit dem "Sehen Sie, jetzt haben Sie ein schlechtes Gewissen". Tag für Tag hält die Werbewand vor allem den Mietern der Berliner Großsiedlungen diesen (Zerr-)Spiegel vor. Wer nicht achtlos an ihm vorbeiläuft, wird auch die verheißungsvolle Botschaft lesen: "Ziehen Sie zu den Wurzeln der Natur". Zu Hause im heimischen Briefkasten liegt dann neben der Offerte des Pizza-Dienstes oft noch ein bunter Prospekt: "Wohnen wie im Urlaub" oder "Jetzt Ihre Idylle mieten". Vereinzelt kann auch passieren, was Mieter aus Marzahn berichteten: Abends klingelt es an der Wohnungstür, ein netter Herr steht vor der Tür. Er habe da eine Wohnung anzubieten, hübsch im Grünen, gar nicht so teuer.

Was im ummauerten Berlin in Ost und West undenkbar war, erleben die Hauptstädter jetzt mit Erstaunen: Statt chronischer Wohnungsnot gibt es zumindest in den mittleren und gehobenen Preisklassen ein Überangebot.

Wohnungsbaugesellschaften klagen über Vermietungsprobleme, konkurrieren offensiv um Bewerber und locken mit Angeboten, wie man sie sonst nur von Zeitschriftenverlagen oder Margarineherstellern kennt. "Nutzen Sie Ihre Chance und gewinnen" heißt es im Immobilienteil der Tageszeitungen, und als Hauptgewinn winkt: "Drei Monate mietfrei!"

Selbst große Wohnungsgesellschaften werben inzwischen mit zwei bis drei Monaten Gratiswohnen neue Mieter. Andere versenden Aufrufe: Wer einen neuen Nachbarn wirbt, bekommt eine Prämie von 200 Mark. Noch vor nicht allzu langer Zeit mußte manch Wohnungsbewerber diese Summe über den Tisch schieben, um den Verwalter zu "schmieren".

Die Werbeaktion hat handfeste Gründe: Allein in Berlin stehen 17 000 Wohnungen leer, darunter 4600 wegen "Vermietungsschwierigkeiten". Im vergangenen Jahr summierten sich die Mietausfälle auf über achtzig Millionen Mark.

Daß ein Teil von Wohnungen leersteht, ist auch in den alten Bundesländern normal. 0,6 Prozent betragen dort die Quoten im Schnitt. In Berlin und den neuen Bundesländern jedoch sind sie gleich viermal so hoch. Im brandenburgischen Schwedt und in Guben, dicht an der Grenze zu Polen, stehen einige Plattensiedlungen zu zwanzig bis dreißig Prozent leer. Und mancherorts denkt man ernsthaft über einen "Rückbau" nach, die diplomatische Umschreibung für die Abrißbirne.

In den ländlichen Regionen sorgt vor allem die Abwanderung der eigenen Bevölkerung für gähnende Leere. In den großen Städten hingegen saugt die Natur die Bewohner raus. Aus Leipzig wandern jährlich rund 8000 Bewohner ins grüne Umland ab, in Berlin sind es 30 000, die ins Brandenburgische zogen.