Anhand eines ausführlichen Protokolls wird man genau verfolgen können, was geschah und warum es geschah." Als der Magistrat von Berlin in seiner konstituierenden Sitzung am 20. Mai 1945 auf Antrag von Karl Maron die Anfertigung von Verlaufsprotokollen beschloß, schuf er einen einmaligen Quellenbestand. Ob aber der Kommunist Maron die Folgen seines Handelns bedacht hatte, darf bezweifelt werden. In der DDR jedenfalls blieben die Magistratsprotokolle gesperrt. Verwunderlich ist dies nicht, denn die historische Auseinandersetzung mit der sogenannten "Stunde Null" zwischen Ende und Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg warf unangenehme Fragen auf für den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Wer erinnert sich nicht an den Ausspruch von Walter Ulbricht: "Es muß alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben."

Mehr als fünfzig Jahre später können nun die Fragen beantwortet werden: Welche Rolle spielten die deutschen Kommunisten, als sich in der zerstörten Reichshauptstadt das politische Leben zu regen begann? Wie verhielt sich die sowjetische Siegermacht, die von April bis Juli 1945 die Stadt allein beherrscht hatte? Im Zuge der deutschen Einigung führte das Berliner Landesarchiv die Bestände des Berliner Magistrats auf westlicher und östlicher Seite zusammen: Grundlage für eine wissenschaftliche Edition. Der erste Teil für das Jahr 1945 liegt vor, der zweite für 1946 wird folgen. Die Publikation bietet eine spannende, teilweise sogar überraschende Lektüre. Wer wußte schon, daß der legendäre Heinz Rühmann bei der öffentlichen Vorstellung des Magistrats eine Rede hielt? Viele Überlegungen des Magistrats in der damals noch ungeteilten Stadt sind heute von erneuter Aktualität. Dies gilt nicht nur für die Hauptstadtplanungen, sondern auch für unser Geschichtsverständnis dieser Zeit insgesamt. In Berlin waren die Gemeinsamkeiten der vier Siegermächte früh erschöpft die politischen Grundwerte und Ziele erwiesen sich als unüberbrückbar. Die Deutschen in Ost und West wurden in die Konfrontation hineingezogen.

Bereits zwölf Tage nach der Kapitulation der Wehrmacht trat der Magistrat erstmals zusammen. Die intensiven Vorarbeiten der deutschen Kommunisten im sowjetischen Exil machten es möglich. Staatsrechtlich sauber war die Einsetzung des Magistrats jedoch nicht. Eine schriftliche Bestätigung seiner Kompetenzen hat es nie gegeben. Der Magistrat bestand aus dem Oberbürgermeister, seinen vier Stellvertretern sowie den Stadträten als Leitern der Verwaltungsabteilungen. Oberbürgermeister wurde der Architekt und Bauingenieur Dr. Arthur Werner, keine politische Persönlichkeit. Ulbricht nannte ihn "etwas naiv". Der eigentliche Macher im Magistrat war der erste Stellvertreter, Maron, der in der DDR zum Innenminister aufstieg. Daneben ist Arthur Pieck zu nennen, der Sohn des berühmten Mitbegründers der KPD. Als Personalchef kontrollierte er jede Anstellung in der Berliner Verwaltung.

Trotz dieser Dominanz gab es auch bürgerliche Vertreter. Die Leitung der Gesundheitsabteilung übernahm der weltberühmte Chirurg der Charité, Ferdinand Sauerbruch. Leiter der Abteilung für Bau- und Wohnungswesen wurde Hans Scharoun, der später die Philharmonie in West-Berlin schuf. Ein prominenter Vertreter nichtkommunistischer Herkunft war Andreas Hermes, der neben Konrad Adenauer zum führenden CDU-Politiker wurde. In der Weimarer Republik hatte er dem preußischen Abgeordnetenhaus und dem Deutschen Reichstag angehört und war zeitweilig sogar Reichsminister gewesen. Aufgrund seiner Mitarbeit im Kreisauer Kreis war er von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt und durch den Einmarsch der Sowjetarmee vor der Hinrichtung bewahrt worden. In seinem Ressort Ernährung mußte er jedoch scheitern. Die Schwierigkeiten waren zu groß. Anfang August trat er zurück.

Die anfängliche Arbeit des Berliner Magistrats war von einer erstaunlichen Gemeinsamkeit geprägt. Unter dem Eindruck der Katastrophe des "Dritten Reiches" und der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges sollten schnell neue Grundlagen geschaffen werden. "Alle Villen und Schlösser ehemaliger Nazi-Häuptlinge werden beschlagnahmt", hieß es in einem der ersten Beschlüsse. Bis zum Juli 1945 wurden rund 26 000 Mitglieder der NSDAP aus dem Staatsdienst entlassen. Je weiter sich jedoch die Ereignisse von der "Stunde Null" entfernten, desto deutlicher wurden die Gegensätze. Eindringlich warnte Sauerbruch davor, alle Ärzte und Angestellten nur wegen ihrer Parteizugehörigkeit zu entlassen. "Studenten konnten nach 1933 nicht mehr studieren", argumentierte er, "wenn sie nicht in die Partei eintraten.

Assistenten konnten nicht angestellt werden, wenn sie nicht Parteimitglieder waren." Statt auf Dialog setzten die Kommunisten mit sowjetischer Unterstützung aber auf den Einsatz ihrer Machtmittel. "Die Richtschnur unserer Arbeit", beschied ein führendes Parteimitglied, "ist niedergelegt in den Richtlinien der KPD." Mit der Ankunft der Westmächte bot sich der Berliner Bevölkerung eine Alternative. Am 13. August 1945 stellte der Magistrat fest, "daß plötzlich innerhalb Groß-Berlins eine Abwanderung . . .

nach dem Westen sich vollziehe". Die DDR hatte noch gar nicht zu existieren begonnen, doch die Keime ihres späteren Zusammenbruchs waren bereits gelegt.