DIE ZEIT: Der Finanzspekulant George Soros hat mehrfach beklagt, daß in Rußland ein Banditenkapitalismus blühe - basierend auf dem Diebstahl von Staatskapital. Hat er auch Sie damit gemeint?

WLADIMIR POTANIN: Nein, ich fühle mich davon nicht angesprochen, schließlich ist George Soros unser Geschäftspartner. Ich halte die Bewertung von Soros allerdings für überzogen, auch wenn sie insgesamt der Realität nahekommen mag. Leider haben sich lange Zeit Bankiers und Industrielle untereinander abgesprochen und ihre eigenen Spielregeln aufgestellt. Die amtierende Reformregierung will nun verbindliche Spielregeln für alle schaffen, und wir sind bereit, diese Regeln zu befolgen.

ZEIT: Aber Ihre Bank hat doch unter den alten Spielregeln hervorragend abgeschnitten.

POTANIN: Sicher haben wir aus der Zusammenarbeit mit dem Staat gewonnen. Aber unsere guten Kontakte zu Politikern sind nicht der Grund für unseren Erfolg, sondern das Resultat professioneller Arbeit. Wir haben gute Projekte ausgearbeitet, die für den Staat gewinnbringend waren.

ZEIT: Für den Staat oder für einzelne Politiker?

POTANIN: Wir haben als Bank immer unsere Aufgaben gegenüber dem Staat erfüllt. Die Zentralbank hat uns noch kürzlich bestätigt, daß wir in den vier vergangenen Jahren nicht ein einziges Mal die Zahlung von Budgetgeldern, die über unsere Konten liefen, aufgehalten haben. Wir sind nicht schuld, wenn Bergarbeiter ihren Lohn nicht pünktlich erhalten. Ich bin sicher, daß die Zentralbank anderen Banken einen solchen Freibrief nicht ausstellen wird.

ZEIT: Das klingt ja so, als basiere Ihr Erfolg einzig auf professioneller Arbeit und guten Konzepten. Noch vor kurzem aber feuerte Präsident Boris Jelzin drei enge Verbündete des Ersten Vizepremiers Anatolij Tschubajs, weil Ihre Tochterfirma den Politikern 450 000 US-Dollar Vorschuß für ein Buch über die Geschichte der russischen Privatisierung gezahlt hatte. Wofür haben Sie sich denn da bedankt?