Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Sagt man so. Und der alte Streit zwischen zwei berühmten englischen Schriftstellern, zwischen John le Carré und Salman Rushdie, der jetzt aus nicht ganz heiterem Himmel erneut ausgebrochen ist, hat amüsante Seiten, zumal die beiden Wortriesen ganz ordentlich mit der Tinte spritzen. "Ich bin John le Carré dankbar dafür, daß er uns allen ins Gedächtnis ruft, was für ein aufgeblasener Dummschwätzer (pompous an ass) er sein kann", schreibt Rushdie in einem Leserbrief an den Guardian. Von Zeit zu Zeit liest man so was gern.

Der Fall hat aber seine symptomatische und ernste Seite. Es geht um die "Satanischen Verse", um den Konflikt zwischen Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit. Schon wieder? Schon wieder. Und Rushdie lebt noch immer unter der Todesdrohung der " Fatwa", genau seit dem 14. Februar 1989.

Die Vorgeschichte des jüngsten Eklats: Amerikanische Kritiker werfen John le Carré und seinem Roman "Der Schneider aus Panama" Antisemitismus vor. In einer Rede vor der Englisch-Israelischen Gesellschaft wehrt sich der Autor gegen die Zensur der political correctness. Seit je habe er in seinen Romanen den latenten britischen Antisemitismus vorgeführt, und nun werde der Sänger mit dem Song verwechselt. Er stehe mit ganzem Herzen hinter dem Staat Israel.

Ihn zu kritisieren müsse gleichwohl erlaubt sein, ohne als Antisemit zu gelten. Und John le Carré fügt sorgenvoll hinzu: "Wir leben in nervösen Zeiten."

Der Guardian druckt die Rede Mitte November. Drei Tage später schreibt Rushdie einen Leserbrief: "1989 hat le Carré gemeinsame Sache mit meinen Anklägern gemacht. Vielleicht hätte er die Güte einzugestehen, daß er das Wesen der Gedankenpolizei jetzt etwas besser begreift." Tags darauf le Carré: Es gebe kein Gesetz, das die Beleidigung großer Religionen straffrei halte. Meinungsfreiheit sei nicht absolut. Unter dem Titel "Die satanische Korrespondenz" geht der Streit noch ein paar Tage hin und her. Le Carré: Rushdie und seine Verteidiger seien arrogant, selbstgerecht und kolonialistisch. Rushdie: Es handele sich, bitte sehr, um einen Roman. "Sie wissen doch, was ein Roman ist, John. Oder?" Der Guardian bemerkt in seinem Schlußwort, Rushdie habe seinerzeit le Carrés Roman "Das Rußland-Haus" im Independent ungünstig besprochen, und seitdem sei le Carré sauer.

Verletzte Eitelkeit und sonst nichts? Nein, es geht um den Kulturrelativismus. Ihm hat der englische Journalist Richard Webster in seinem Buch "Erben des Hasses" (1992) deutlichsten Ausdruck gegeben, als er schrieb, er verstehe Muslime, "die sich gekränkt fühlen durch die Art und Weise, wie Rushdies Roman die heilige Gestalt des Propheten Mohammed in einer ebenso obszönen wie verächtlichen Sprache beleidigt". Websters These: In dem Konflikt erneuere sich der alte Krieg zwischen Christentum und Islam. Unser Begriff von Meinungsfreiheit sei bloß ein säkularisierter Glaube.

Der Irrtum, Menschenrechte stünden zur Disposition des Glaubens, ist fatal - und verbreitet. Er kehrt wieder in der relativierenden Rede von der multikulturellen Gesellschaft, die besagt: Jede Kultur hat ihre eigenen Werte, ihr eigenes Recht. Der Relativismus begegnet uns in den tröstlichen Hinweisen westlicher Islam-Kenner und Export-Agenten. Etwa: Daß der iranische Schriftsteller Faradsch Sarkuhi, obwohl nach allen Regeln des Rechts unschuldig, kürzlich "nur" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden sei, beweise die Liberalisierung des Irans und die Richtigkeit des kritischen Dialogs. Soll heißen: andere Völker, andere Sitten. Man bittet uns, die Verbrecher zu verstehen.