Pjöngjang

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat in Nordkorea eine schreckliche Hungerkatastrophe verhindert - zumindest für dieses Jahr. In seiner bisher größten Operation hat es über den Zeitraum von zehn Monaten hinweg 500 000 Tonnen Reis und andere Nahrungsmittel ins Land des "großen und unsterblichen Führers Kim Il Sung" und seines Sohnes Kim Jong Il gebracht.

Wenn aber die Nordkoreaner in den nächsten Jahren nicht weiter hungern sollen, muß die internationale Hilfe fortgesetzt werden.

Das Regime in Pjöngjang zeigte sich allerdings bisher uneinsichtig. Schuld an den Entbehrungen der Bevölkerung, so heißt es offiziell, seien nur die "Überschwemmungen" 1995 und 1996 und eine kleine Dürre in diesem Jahr. In Wirklichkeit ist das Problem ein strukturelles: Pro Jahr fehlen 1,2 Millionen Tonnen Reis. Höchstens 500 000 Tonnen, hat die Regierung erklärt, könnte sie anderswo einkaufen. Statt die Not zuzugeben, hat man jahrelang auf Pump gelebt und die Statistiken erbarmungslos gefälscht. Nordkorea war in der Nahrungserzeugung niemals autark. Die "Juche"-Doktrin des "unsterblichen Führers", der am 9. Juli 1994 gestorben ist, hat dies nur postuliert.

"Juche" (gesprochen "Dschutsche") bedeutete: Nordkorea soll allein aus der Kraft seiner "schöpferischen Volksmassen" stark und mächtig werden - frei und unabhängig von jedem fremden Einfluß. Diese Staatstheologie ist auf jedem Hügel, an jedem Berghang in Stein gemeißelt über jeder Dorfstraße in Lettern gepinselt und in jedem Stadtzentrum dokumentiert. Nordkoreaner können ihr nirgendwo entgehen. Juche war auch der Versuch, die Allgegenwart und Unsterblichkeit der kommunistischen Führung über alle biologischen Gesetze und historischen Entwicklungen zu setzen. Als ich mit zwei nordkoreanischen Begleitern auf dem Weg in die Hauptstadt Pjöngjang den obligatorischen Besuch am Denkmal des großen Führers Kim Il Sung absolviere, weiß ich kaum, worüber ich mich mehr wundern soll: über die Bronzestatue von dreißig Meter Höhe, vor der sich der Bürger der Bundesrepublik so erbärmlich klein ausnimmt wie der Koreaner oder über die große Ehrfucht meiner Begleiter, die es als unehrerbietig empfinden, daß ich die Hände in der Hosentasche behalte, weil es so kalt ist .

Nahrungshilfe für Nordkorea in den nächsten Jahren kann auch nur der Ausgangspunkt für die internationale Hilfe sein. Denn in dem heruntergewirtschafteten Land muß eigentlich fast alles erneuert werden. Nach Ansicht des Dienstältesten der internationalen Beamten in Pjöngjang, Willy Scholl vom Entwicklungshilfswerk der Vereinten Nationen (UNDP), liegen achtzig Prozent der Industrie brach.

Doch das Regime hat noch keinerlei Erfahrung damit, wie es sein Land öffnen soll. Wer sich in Pjöngjang niederläßt, dem wird die Erlaubnis dazu wie eine Gnade gewährt. Die wenigen UN-Agenturen, die hier residieren, sitzen - wo?