Revolution ist nicht mehr gefragt – Seite 1

PRINCETON. - Ich wurde oft gefragt, was wohl mein Großvater über die gegenwärtige Situation in Rußland dächte - über das Chaos des Marktes, über die Rechtlosigkeit. Würde er all das für Fortschritt halten?

Ich war gerade acht Jahre alt, als mein Großvater 1971 starb, deshalb kann ich keine besonders informativen Erinnerungen bieten. Aber ich bin neugierig: Was dächte er? Als jemand, der die jüngere politische Geschichte studiert und Chruschtschows Erinnerungen gelesen hat, kann ich mir vorstellen, was er sagen würde. Vielleicht etwa dieses:

Achtzig Jahre sind vergangen, seit eine relativ kleine Gruppe junger Revolutionäre ein System stürzte, das die mächtigste Monarchie im größten Imperium der Welt darstellte. Sie verkündeten eine neue freie Ordnung mit neuen demokratischen Werten. Sie nannten sie sozialistisch-demokratische Werte: Freiheit der Rede, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und viele andere Freiheiten, die der demokratischen Ideologie entsprechen.

"Sozialistisch" stand für eine Freiheit, die bewußt ausgelassen worden war - die Freiheit, eine Marktwirtschaft ohne staatliche Interventionen zu schaffen.

Statt dessen offerierten die Väter des russischen Sozialismus ideologische Begeisterung als Ersatz für die gewohnte materielle Belohnung, Geld, um das Interesse der Menschen an ihrer Arbeit zu wecken. Gleichzeitig mußten sie Furcht vor dem Verlust grundsätzlicher persönlicher Freiheit verbreiten, für den Fall nämlich, daß die Menschen an einer substantielleren Belohnung für ihre Arbeit interessiert waren.

Obwohl ich ein guter Sohn der Revolution war, muß ich zugeben, daß ich mit diesem Konzept der Angst nie übereinstimmte. Als ich vierzig Jahre später an die Macht kam, versuchte ich zuerst, die Leute von ihrer Angst zu befreien und danach sicherzustellen, daß die Werte einer sozialistischen Demokratie endlich eingehalten werden. Und ich wäre erfolgreich gewesen, wenn ... Ehrlich gesagt, ich verstand damals nicht, daß das Ziel des Weltkommunismus, die ganze Menschheit glücklich zu machen, im Gegensatz zum individuellen Glück steht, das nicht erreicht werden kann, wenn die Menschen sich nicht ausreichend kleiden und ernähren können.

Ich versuchte, die Menschen glücklich zu machen, indem ich die Grenzen dessen ausweitete, was ich heute für eine sehr rigide sozialistische Ideologie halte. Eines jedoch habe ich nicht geschafft - die Grenzen auch ökonomisch zu öffnen, den unbeweglichen sozialistischen Markt zu befreien. Deshalb konnten die Reformen unserer Gesellschaft nicht zu Ende geführt werden, obwohl die Angst der Menschen vor dem Verlust persönlicher Freiheit gewichen war.

Revolution ist nicht mehr gefragt – Seite 2

Jahre später gelang es Gorbatschow, das zu beenden, was ich begonnen hatte.

Aber er war bei uns, den Romantikern, den enthusiastischen Söhnen der Revolution in die Schule gegangen. Deshalb hoffte er, der Sowjetunion den bösen Kapitalismus ersparen zu können. Für ihn als Kommunist war Begeisterung kein leeres Konzept. Und obwohl die Reformen der achtziger Jahre Rücksicht nahmen auf die Existenz von materiellen Werten, waren Gorbatschows erste Schritte zur Privatisierung unsicher, verkrampft, kleinmütig und stolpernd.

Als schließlich in den neunziger Jahren die Regeln der Demokratie eingeführt wurden und die kommunistische Ideologie aufgehört hatte zu existieren, brauchte Rußland einen Führer, der damit begann, die materiellen Interessen der Bürger zu berücksichtigen. Selbst wenn ein Großteil der Politik Boris Jelzins nicht völlig demokratisch genannt werden kann, ist die russische Wirtschaft doch dabei, einer wirklichen Marktwirtschaft mehr zu ähneln als einem mafiosen Schwarzmarkt.

Das alles stimmt mich hoffnungsvoll. Aber die Schwierigkeit beim Entwicklungsprozeß machen mich auch traurig. Wir brauchten fast achtzig Jahre um zu erkennen, daß die sozialistische Utopie keine wirkliche Demokratie war.

Wie viele Jahre werden nun nötig sein, um eine vernünftige wirtschaftliche Struktur aufzubauen?

Eine Revolution zu veranstalten schien leichter zu sein. Damals, als wir auf die Begeisterung der Menschen vertrauten, hatte der Parteivorsitzende immer eine schnelle Antwort darauf, was besser für die Menschen sei und welchen Regeln sie folgen müßten, um eine schönere Zukunft für die Menschheit zu erreichen. Nun werden die Losungen der demokratischen Ideologie endlich in die Tat umgesetzt. Doch auf der politischen Tagesordnung Rußlands steht immer noch eine sehr komplizierte Aufgabe - die Notwendigkeit, Gesetze zu entwickeln, die zur Aufrechterhaltung einer freien Marktgesellschaft nötig sind. Im Gegensatz zu 1917 kann Revolution nicht die Antwort sein. Heute brauchen wir eine Evolution.

Nina Chruschtschowa, die Enkelin Nikita Chruschtschows, ist Forscherin am Institute for Advanced Study an der Princeton-Universität.