Jahre später gelang es Gorbatschow, das zu beenden, was ich begonnen hatte.

Aber er war bei uns, den Romantikern, den enthusiastischen Söhnen der Revolution in die Schule gegangen. Deshalb hoffte er, der Sowjetunion den bösen Kapitalismus ersparen zu können. Für ihn als Kommunist war Begeisterung kein leeres Konzept. Und obwohl die Reformen der achtziger Jahre Rücksicht nahmen auf die Existenz von materiellen Werten, waren Gorbatschows erste Schritte zur Privatisierung unsicher, verkrampft, kleinmütig und stolpernd.

Als schließlich in den neunziger Jahren die Regeln der Demokratie eingeführt wurden und die kommunistische Ideologie aufgehört hatte zu existieren, brauchte Rußland einen Führer, der damit begann, die materiellen Interessen der Bürger zu berücksichtigen. Selbst wenn ein Großteil der Politik Boris Jelzins nicht völlig demokratisch genannt werden kann, ist die russische Wirtschaft doch dabei, einer wirklichen Marktwirtschaft mehr zu ähneln als einem mafiosen Schwarzmarkt.

Das alles stimmt mich hoffnungsvoll. Aber die Schwierigkeit beim Entwicklungsprozeß machen mich auch traurig. Wir brauchten fast achtzig Jahre um zu erkennen, daß die sozialistische Utopie keine wirkliche Demokratie war.

Wie viele Jahre werden nun nötig sein, um eine vernünftige wirtschaftliche Struktur aufzubauen?

Eine Revolution zu veranstalten schien leichter zu sein. Damals, als wir auf die Begeisterung der Menschen vertrauten, hatte der Parteivorsitzende immer eine schnelle Antwort darauf, was besser für die Menschen sei und welchen Regeln sie folgen müßten, um eine schönere Zukunft für die Menschheit zu erreichen. Nun werden die Losungen der demokratischen Ideologie endlich in die Tat umgesetzt. Doch auf der politischen Tagesordnung Rußlands steht immer noch eine sehr komplizierte Aufgabe - die Notwendigkeit, Gesetze zu entwickeln, die zur Aufrechterhaltung einer freien Marktgesellschaft nötig sind. Im Gegensatz zu 1917 kann Revolution nicht die Antwort sein. Heute brauchen wir eine Evolution.

Nina Chruschtschowa, die Enkelin Nikita Chruschtschows, ist Forscherin am Institute for Advanced Study an der Princeton-Universität.