Jeder bekommt sie, jeder schreibt sie, doch über die wahre Urheberschaft streiten sich nach wie vor die Gelehrten: Die früheste illustrierte Postkarte soll vom Oldenburger Hofbuchhändler Schwartz am 16. Juli 1870 verschickt worden sein. Als "Erfinder" kämen aber auch der französische Schreibwarenhändler Leon Bésnardeaux oder der Züricher Kunsthändler Johann Heinrich Locher sowie ein paar andere in Frage. Sicher ist nur: Ihre Vorläuferin war die gewöhnliche Postkarte mit eingedruckter Frankatur, wie sie die österreichische Post am 1. Oktober 1869 als erste einführte.

Das "goldene Zeitalter" der Ansichtskarte begann um 1895, nachdem sie sich - unter Beihilfe des beginnenden Tourismus - rasch zum Massenkommunikationsmittel entwickelt hatte. Man reiste über Berg und Tal und schickte Grüße nach Hause. Um 1900 sollen bereits über eine Million Karten pro Jahr verschickt worden sein, eingerechnet allerdings auch jene der Soldaten auf Kriegsschauplätzen. Zum Vergleich: Letztes Jahr hat allein die Deutsche Post in den Urlaubsmonaten Juli und August 45 Millionen Karten aus dem Ausland zugestellt.

Die touristische Ansichtskarte hatte durchaus auch einen kommerziellen Hintergrund: Hotels, Bahnen, Bäder sahen in ihr ein Werbemittel mit viel Sympathiepotential. Beweis für letzteres ist eine wahre Sammelwut, deren Höhepunkt die Gründung des "1. Internationalen Philokartistenbundes" im Jahre 1897 war.

Präzis zu diesem hundertjährigen Jubiläum kann der Ansichtskarte eine neue Blütezeit vorausgesagt werden - im Internet.

Die Voraussetzungen sind geschaffen. Zum einen läßt sich im digitalen Netz relativ mühelos in knapp zwei Stunden eine beachtliche Weltreise unternehmen, zum anderen gibt es inzwischen bereits die digitale Postkarte.

Am begehrtesten sind derzeit, nach den Besucherzahlen zu schließen, Internetreisen, die der Realität am nächsten kommen: Videokameras speisen im Minuten-, Stunden- oder Tagestakt aktuelle Bilder ins Netz ein - wenn sie nicht gerade eine Panne haben. Als Reisebüro dient beispielsweise der Meta Crawler (http://www.metacrawler.com). Mit dem Suchwort "Livecam" stellt er rasch ein vielversprechendes Reiseprogramm zusammen, das an Orte führt, die in Wirklichkeit Zehntausende Kilometer auseinanderliegen: von der Golden-Gate-Brücke in San Francisco geht es zur australischen Davis Station in der Antarktis, von dort ins "Cliff"-Hotel auf Rügen, anschließend in ein gewöhnliches holländisches Wohnzimmer. Nächste Stationen sind der Nordstrand von Maui/Hawaii, Buenos Aires, der Hafen von Sydney, das Weißfluhjoch in Davos. In der Nürnberger Altstadt schließlich endet die Reise.

Auch liebe Grüße können längst per Internet verschickt werden. Das funktioniert beispielsweise so: Tom will seiner Freundin Pamela zum Geburtstag gratulieren. Er ruft im Internet eine Postcard-Seite auf, wählt eines der Standardbildmotive und ein paar Takte Musik aus, verfaßt seine Botschaft an die Liebste, tippt ihre E-Mail-Adresse ins vorgegebene Feld, und ab geht die Post. Das Geburtstagskind erhält als erstes eine E-Mail mit der Nachricht: "Ob Sie es glauben oder nicht, jemand hat Ihnen eine Postkarte geschickt." Beigegeben ist eine Nummer als Schlüssel zum Briefkasten. Pamela klickt die angeführte Web-Adresse an, gibt die Nummer ein, und schon kann sie sich über den Gruß freuen - oder auch nicht.