Sechzig ist er gerade geworden, als "Mister Industrie-Ost" hat er sich feiern lassen, der Ministerpräsident a. D. und Dr. h. c. Lothar Späth.

Seitdem man ihn aus seinem schwäbischen Musterländle vertrieben hat, setzt er seine Energie und Phantasie für die Jenoptik AG ein. Er veröffentlicht alle zwei Jahre ein Buch, hat seine eigene Talk-Show im Fernsehen und jettet durch die Welt. Doch in erster Linie ist er der Vorstandsvorsitzende Späth, der aus Resten der alten Traditionsfirma Zeiss Jena ein lebensfähiges neues Unternehmen geformt hat.

So viel Fortune war nicht vielen Nothelfern aus dem Westen beschieden, und da ist man gespannt, was der Mann mit dem schnellen Mundwerk und dem wachen Verstand aus dem nahen und doch so fernen Osten zu berichten hat. Diesmal verspricht er Aufklärung darüber, "wie der Umschwung Ost die ganze Republik verändert". Das macht neugierig, denn normalerweise dominiert die Klage, mit der Vereinigung habe die alte Bundesrepublik die DDR einfach geschluckt, ohne sich in irgendeiner Weise an ostdeutsche Eigenheiten anzupassen. Aber schließlich war Späth immer für einen intelligenten Widerspruch gut.

Schade, die Neugier wird kaum belohnt. Späth zeigt weder, wie sich die Republik verändert hat, noch hat er neue Ideen für eine Beendigung der ostdeutschen Probleme. Er sinniert über den Standort Deutschland, über zu hohe Lohnstückkosten im Osten, über die beunruhigende Lage der Industrie, über verkrustete Strukturen, über den nötigen Neuanfang. Er plädiert dafür, mehr Wettbewerb bei Systemen, Strukturen und Normen zuzulassen, also nicht einfach Westdeutschland nachzuahmen, "auch auf die Gefahr hin, daß dann mit einem Mal der Westen ein Problem hat". Weniger Solidarität hätte der Osten bekommen sollen, dafür mehr Freiheit, sich auf einem eigenen Weg zu entwickeln. Aber auf welchem? Eine Alternative ohne Milliardensubventionen - von denen auch seine Jenoptik kräftig profitiert hat - ist illusionär, und weit kommt man mit der Erkenntnis auch nicht, die da lautet: "Die Perspektive liegt in der sozialen Marktwirtschaft als Leistungsordnung."

Wo er recht hat, da hat er recht, der Unternehmer mit dem mahnend erhobenen Zeigefinger. Wer würde ihm widersprechen, wenn er verbesserte Möglichkeiten für Existenzgründungen fordert, den Mangel an Risikokapital beklagt, eine innovative Industriepolitik anmahnt, nach Deregulierung ruft. Aber irgendwie kommt einem auch diese Litanei schon so bekannt vor, daß ein paar originelle Vorschläge angebracht scheinen, wie der Autor das alles zu realisieren gedenkt.

Lothar Späth, der hinreißende Erzähler, ist dort am interessantesten, wo er die Realität schildert, lakonisch bis komisch, plötzlich scheint alles plausibel. Da ist zu spüren, wie der Schwabe in Thüringen die Ärmel hochkrempelt, hinlangt - und nebenher auch noch seinen Zeitgenossen sagt, wo es langgeht.

Ansonsten überwiegend trockene Texte, wenig originelle Erkenntnisse, die alten Fragestellungen ohne neue Antworten, gelegentlich immerhin ein paar kesse Formulierungen ("Wir Deutschen sind so gut - wenn's sein muß. Und jetzt muß es sein!"). Und am Ende der Lektüre fragt man sich immer noch, ob die Wende tatsächlich die ganze Republik verändert.