Über Wei Jingsheng wird in den nächsten Wochen noch viel zu lesen sein: Für den "Vater der chinesischen Demokratiebewegung" sind die Medien im Exil seine einzige Waffe. Und für die Medien eignet sich Weis Heldenstory ganz besonders gut. Der Musteroppositionelle aus dem Reich der Mitte ist in den achtzehn Jahren, die er unter quälenden Bedingungen in Gefängnissen und Arbeitslagern verbrachte, kein Stück von seiner Kritik an den Pekinger Machthabern abgewichen. Im Gegenteil: Noch aus der Einzelhaft schrieb er Briefe an die Regierenden, die zu weiteren Bestrafungen geradezu einzuladen schienen. Diese Unbeugsamkeit hat Wei, wenn schon nicht in China, so doch bei uns im Westen in einen moralischen Stand erhoben, wie ihn vorher nur Alexander Solschenizyn und Andrej Sacharow eingenommen haben. Doch hat der 47jährige Elektriker aus einer Pekinger Kaderfamilie so viel Ehre überhaupt verdient? Ist der Essayist und Vordenker Wei wirklich jener "geborene Held", als den ihn Liu Qing, Vorsitzender der New Yorker Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch China, vor kurzem im Exil begrüßte?

Die pünktlich zu seiner Freilassung erschienene Wei-Biographie des Pekinger Spiegel-Korrespondenten Jürgen Kremb gibt auf all diese Fragen eine klare Antwort. "Dieses Leben habe ich ohnehin für die Demokratie gegeben", zitiert der Autor Weis Leitmotiv. Und Kremb hat keinen Zweifel, daß der, den er während einer kurzen Gefängnispause im Jahr 1993 zum Freund gewann, ein Mann historischen Formats ist. Über Weis Schauprozeß im Jahr 1979 schreibt der Biograph: "Die sichere Verurteilung vor Augen, winselte Wei Jingsheng nicht vor den Diktatoren Chinas, sondern bot ihnen erneut die Stirn. Seine Selbstverteidigung wurde zum neuerlichen Plädoyer für die Notwendigkeit einer Demokratisierung Chinas - das bis dahin unerschrokkenste Zeugnis des Widerstandsgeistes der chinesischen Demokratiebewegung gegen das kommunistische Regime."

Das klingt nach maßloser Götzenverehrung, ist es aber nicht. Wei war wirklich der erste, der die Demokratiefrage im postmaoistischen China auf eine so radikale Art und Weise stellte, daß er die Feindschaft des allmächtigen Deng Xiaoping auf sich zog. "Wer wird sich in zehn Jahren noch an Wei Jingsheng erinnern?" soll der im Februar verschiedene Patriarch einmal gesagt haben - nicht ahnend, daß dieser Mann im Ausland bald bekannter sein würde als jeder chinesische Außenminister. Sogar für den Friedensnobelpreis wurde Wei in den vergangenen Jahren mehrmals vorgeschlagen.

Es lohnt sich also, diesen ungewöhnlichen chinesischen Revolutionär genauer kennenzulernen. Krembs Recherche fördert über Weis Werdegang ungesichtetes Material in Hülle und Fülle zutage, das von dem Betroffenen selbst, vor allem aber von seinen drei Geschwistern stammt, die hier erstmals an die Öffentlichkeit gehen. Erzählt wird die Geschichte einer kommunistischen Kaderfamilie, deren Vater zu den Revolutionären der ersten Stunde zählt und seinen kommunistischen Glauben auch dann nicht ablegt, als seine Parteigenossen ihn als Rechtsabweichler verdächtigen und während der Kulturrevolution ins Arbeitslager schicken.

Der älteste Sohn Jingsheng ähnelt seinem Vater: "Mit derselben unnachgiebigen Dickköpfigkeit tritt er (Wei Jingsheng) für seine politischen Ziele ein, mit der die kommunistischen Altrevolutionäre einst gegen die japanische Besatzungsmacht und die Unterdrückung durch die nationalchinesische Kuomintang angegangen waren." Kremb schildert Weis Jugend, die er in der Nähe zu den Kindern Deng Xiaopings verbringt, seinen Aufbruch als begeisterter Rotgardist und schließlich seine Erfahrungen mit sinnloser Gewalt während der Kulturrevolution. Wie andere chinesische Intellektuelle zieht Wei daraus die Konsequenz, gegen die Parteigenossen aufzustehen, die für ihn "die Existenz von Halbgöttern führen". Doch schon bald steht er allein.

Der Autor täuscht sich, wenn er im Rückblick auf den Prozeß gegen Wei schreibt: "Fortan sollte jeder Chinese den Namen des chinesischen Kämpfers für Demokratie kennen." Heute, zwanzig Jahre später, ist Weis Name einem Durchschnittschinesen kein Begriff mehr. Die Pekinger Jugend kennt ihn nicht.

Hier hat sich Kremb vor dem Unausweichlichen gedrückt: Er verzichtet auf eine klare Einschätzung von Weis gegenwärtiger Rolle, die über den miserablen Zustand der chinesischen Demokratiebewegung Auskunft geben könnte.