Billige Energie hat dem kleineren Teil der Menschheit zu Wohlstand verholfen. Doch die goldenen Zeiten gehen zu Ende. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber in absehbarer Zukunft werden die Vorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas erschöpft sein. Spätestens dann werden steigende Preise eine gewachsene Erdbevölkerung zum Maßhalten zwingen. Zu spät?

Die große Mehrheit der Klimaforscher jedenfalls glaubt, das Diktat des Marktes vollziehe sich zu langsam. Aufgeschreckt durch ihre Warnungen, treffen sich nächste Woche Diplomaten und Minister aus rund 170 Staaten in Japans historischer Kaiserstadt Kioto. Sie wollen den langfristig unvermeidlichen Abschied von den fossilen Energien beschleunigen: einmal in der Absicht, die schrumpfenden Vorräte im Boden zu schonen, vor allem aber, um das gefährliche Anwachsen von Verbrennungsrückständen in der Luft zu bremsen. Das zeugt von vorausschauendem Denken.

Dennoch wird in Kioto Streit herrschen. Zwar versprechen alle, den Bewohnern des blauen Planeten eine heiße Zukunft ersparen zu wollen. Doch hat vor allem Bill Clinton, Präsident der größten und energiehungrigsten Volkswirtschaft, daheim mit derart hartnäckigem Widerstand zu kämpfen, daß er bisher den Fortschritt bei den Verhandlungen blockiert. Gastgeber Japan steht angesichts der Wirtschaftskrise im Fernen Osten der Sinn mehr nach einer Rettung der Ökonomie als nach Ökologie. So sind die Dritten im Bunde, die Europäer, unversehens zu einsamen Fürsprechern der Interessen künftiger Generationen geworden. Die chemischen Überbleibsel des Energieverbrauchs, verschwenderisch seit Anbeginn der industriellen Revolution, haben die schützende Hülle des Planeten längst angegriffen. Vieles spricht dafür, daß deshalb die Erde unwirtlicher wird. Die Wetterkapriolen rund um El Niño zeigen, wie Klimaschwankungen wirken können.

Zwar bestehen nach wie vor Zweifel an den Warnungen der Meteorologen. Aber niemand überquert eine vielbefahrene Straße mit geschlossenen Augen: Politik muß nun schon die Möglichkeit verheerender Konsequenzen des geophysikalischen Experiments im globalen Labor - genau dies ist das Vollpumpen der Erdatmosphäre mit Milliarden Tonnen von Treibhausgasen, Jahr für Jahr - in Betracht ziehen. Nichts anderes steht in Kioto auf der Agenda.

Diese Rücksicht auf zukünftige Generationen verlangt aber von den Reichen etwas historisch Einmaliges: freiwillige Selbstbeschränkung beim Verbrauch von Energie, einem der wichtigsten Rohstoffe des Industriezeitalters. Das erfordert Strukturwandel, erzeugt Angst vor dem Verlust sicher geglaubter Pfründen - und nährt so die Furcht vor ökonomischen Rückschlägen. Dennoch spricht die Vernunft dafür, in Kioto einen Schritt zu tun.

Zudem verlangt die vielbeschworene internationale Solidarität, daß die reiche Minderheit der Menschheit ihren Ausstoß an Treibhausgasen mäßigt, damit die bevölkerungsreiche Mehrheit künftig mehr Energie verbrauchen kann. Denn nichts und niemand, weder Appelle noch moderne Technik, wird das Milliardenvolk der Chinesen davon abhalten, den Amerikanern beim Energieverbrauch nachzueifern. Selbst wenn die Erderwärmung die bisher schon Zukurzgekommenen am meisten bedroht: Im globalen Dorf wird sich der Schaden geographisch kaum eingrenzen lassen - und sei es nur, daß die Wohlstandsinseln zu Zielpunkten für Millionen Umweltflüchtlinge werden.

Vorsorgender Klimaschutz ist ökologische Sicherheitspolitik.