Helmuth James Graf von Moltke war einer der wenigen nicht nationalistisch gesinnten Vertreter des bürgerlichen Widerstands im "Dritten Reich".

Aufgewachsen in einer weltoffenen Atmosphäre - die Mutter stammte aus Südafrika -, gingen Denken und Vorstellungen über ein Deutschland nach dem Nationalsozialismus weit über die Pläne seiner Mitstreiter hinaus. Als entscheidend für den Weg zum kosmopolitischen Bürger sollte sich nicht nur seine Erziehung, sondern vor allem eine juristische Ausbildung in England erweisen, die es ihm während des Krieges ermöglichte, zahlreiche Kontakte zu englischen Freunden aufrechtzuerhalten. Das in der Nähe von Breslau gelegene Familiengut der von Moltkes gab der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis ihren Namen.

Nachdem Ende der achtziger Jahre Helmuth von Moltkes "Briefe an Freya 1939-1945" erschienen, folgen nun persönliche Erinnerungen an Kreisau. Wer von dem vorliegenden Büchlein allerdings Berichte aus dem Innenleben des Kreisauer Kreises erwartet, wird enttäuscht sein. Zwar beschreibt Freya von Moltke ausführlich die drei Treffen der Gruppe auf dem schlesischen Gut, die zwischen den Jahren 1940 und 1943 stattfanden, ihr Programm und die disparaten Vorstellungen der einzelnen Mitglieder, doch gelingt es ihr nicht, ein lebendiges Bild von der bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft zu entwerfen. Vielleicht liegt es daran, daß aus der Retrospektive von über fünfzig Jahren die Erinnerungen zwangsläufig verblaßt sind, vielleicht auch am mangelnden stilistischen Gefühl der Autorin.

Hinzu kommt, daß Freya von Moltke primär über ihr Leben auf dem Gut und die Wirren des Kriegsendes berichten wollte, als die russischen Armeen Schlesien besetzten. Mehr als die Hälfte des Buches nehmen die Schilderungen von Flucht und Vertreibung ein. Von den abenteuerlichen Fahrten auf Güterwaggons ins zerstörte Berlin über die Requirierung des Hausstandes bis hin zur bitteren Einsicht, daß der Besitz im Osten unwiederbringlich verloren war, schildert die Autorin ein exemplarisches Schicksal.

Konzentriert man sich auf die erste Hälfte des Buches, so wird man wenig finden, was nicht ohnehin bekannt ist. Beispielsweise, daß die Vorteile des Standortes von Kreisau, einem kleinen Dorf mit ein paar hundert Einwohnern, als Treffpunkt für eine Verschwörergruppe auf der Hand liegen: Die Zusammenkünfte konnten als freundschaftliche Besuche oder Arbeitssitzungen getarnt werden, jeder im Dorf kannte sich, und die Herrschaften auf dem Gut Kreisau waren überall als Arbeitgeber und Nachbarn beliebt. Häufig kam Besuch aus dem 250 Kilometer entfernten Berlin vorbei, so daß die Zusammenkünfte der Verschwörer keinerlei Aufsehen erregten.

Den "Kreisauern" war zunächst nicht daran gelegen, offenen Widerstand gegen die Nazis zu üben, vielmehr machten sie sich keinerlei Illusionen über die unabwendbare Niederlage im Krieg. Es war vorteilhaft für die Gruppe, daß Helmuth von Moltke als Kriegsverwaltungsrat der Abteilung Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht einen direkten Zugang zu den Informationen über den Kriegsverlauf besaß. Wie Deutschland nach dem Fall des Nationalsozialismus aussehen sollte, darüber diskutierte der Kreis, verfaßte Denkschriften über die Umgestaltung von Schulen und Universitäten, die Ahndung deutscher Kriegsverbrechen und den Zusammenschluß von Oppositionellen aller politischen Strömungen.

In Berlin traf man sich zwar wesentlich häufiger, aber nur in Kreisau fand man die Zeit, in aller Ausführlichkeit Pläne zu schmieden und schriftlich zu fixieren. So wurde auch nicht der Kreisauer Kreis für Moltke zum Verhängnis, sondern die Tatsache, daß er Mitglieder einer anderen Widerstandsgruppe gewarnt hatte und die Gestapo davon Kenntnis erhielt. Im Januar 1944 wurde von Moltke in Berlin verhaftet, ein Jahr später zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ähnlich lapidar, wie es hier verzeichnet ist, wird dieses einschneidende Ereignis auch in den Erinnerungen seiner Frau geschildert.