Keine Ahnung hatte der blutjunge Volontär, allerhöchstens einen blassen Schimmer: von Kästen und Durchschuß, von Laufrichtungen und Vorspännen. Eines allerdings, das wußte er: Bleiwüsten und Zeilengräber, die sind die Pest. Der erfahrene Lokalchef, der hatte für die Steigerung des Prinzips der Lockerheit einen schönen Merksatz: Weiß sieht man besser als Schwarz. Ganz schön happig für den Anfänger, der überzeugt war: je länger, je besser, jede Zeile ein Schatz für den Leser, besser noch: fürs Leben.

Und jetzt, an diesem dunklen Novembertag, was für eine wundersame Bescherung.

Die Frankfurter Rundschau, sonst nicht gerade eine Layoutschönheit vom Dienst - nun ein Blatt voller Lichtungen. Auf der Seite drei, neben Peter Voß, dem "Traditionendieb": eine volle leere Spalte, weiß von oben bis unten. Ob da was verschwiegen wird zum Knatsch bei der Südwest-Senderfusion, oder ob wir uns unseren Teil denken sollen? Im Feuilleton, ständige Rubrik "Times mager": auch da nichts als Weiß. Ganz rechts auf der Seite, da gibt vielleicht eine magere Schlagzeile Aufschluß: "Das Sein bestimmt das Design". Ach nein, die Unterzeile klärt inhaltsschwer auf: "Wie Folklore Globalisierungsfragen verzuckern soll". Der schnelle Blick auf die Medienseite, Vergewisserung, was man verpaßt hat: nichts. Unter dem Kritik-Schriftlogo: eine strahlende Blanko-Kolumne.

Zensur, Zensur, schreit die geplagte Publizistenseele. Und vermutet eine Palastrevolution bei der Rundschau, einen Kampf von unten nach oben oder auch umgekehrt. Bis Aufklärung gefunden ist, gleich auf der Eins, der überblätterten: Tarifkonflikt, Warnstreiks bei Zeitungen. Im Kasten der Hinweis für die "lieben Leserinnen, lieben Leser". Die Journalistenorganisationen haben ihre Mitglieder zu Warnstreiks und Protestaktionen aufgefordert: "Die weißen Stellen auf einigen Seiten dieser Ausgabe sind Folge dieses Aufrufs."

Aha. Keine inneren Zerwürfnisse, schon lange kein neues Konzept, das den Lesern überläßt, was den Redakteuren schwerfällt. Nein, alles nur edles/schnödes Gerangel um den flatternden Mantel des Tarifvertrags, um Weihnachtsgeld und Anwesenheit auf kippligen Redaktionssesseln. Alles nur Arbeitskampf mit der Lanze des Weglassens, ein Waffengang, der die IG Medien an der Streikfront jubeln läßt. Und eben nicht nur über extra dünnbrüstige Ausgaben wie bei der Bergedorfer Zeitung: "Mit Begeisterung wurde das Erscheinungsbild der Frankfurter Rundschau aufgenommen." Große weiße Flecken, viele leere Spalten: "Glückwunsch nach Frankfurt." Toll, das Kompliment, so toll, daß es die Gelobten gleich im Kästchen "Aufgespießt" den Lesern antrugen. Zusammen mit einer neuen Idee: Photos als Briefmarken in den Ecken des ansonsten großzügigen weißen Bildraums - die Unterzeilen allerdings in Originalgröße.

Der Leser gerät ins Grübeln, erinnert sich an die Phoenix-Reklame: "Machen Sie sich das ganze Bild." Und denkt scharfsinnig weiter. Natürlich, auch das ist wiederum nur Ausschnitt, wird im Kopf verknüpft mit abertausend Puzzlestücken. Mithin, wirklich, danke an die Journalistenfunktionäre und ihre Rundschau-Helfer: Was für Suhrkamp einst die Weiße Reihe, fürs Kino der Weiße Hai und im Radio das Weiße Rauschen, das haben wir endlich auch in der Zeitung weiß auf schwarz - und damit Freiheit im Überfluß.

Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dieser trockene Juristenbalg: Hier hat es seine neue Heimat, sein schönstes weites, weil weißes Feld. Viel größer als beim Zwischen-den-Zeilen-Lesen. Sire, geben Sie Gedankenfreiheit - drei Jahre vor der Millenniumswende werden wir reich beschenkt. Weiße Weihnacht im November. Soviel Leselust war nie.