Der geregelte Wechsel der Macht ist das Lebenselixier der Demokratie.

Schon deshalb muß man der SPD wünschen, daß sie, endlich, an die Regierungsmacht im Bund zurückkehrt. Die Zeichen dafür scheinen günstig, aber Zweifel, auch bei ihren Freunden, bleiben. Hat die Traditionspartei sich in den neuen Sozialstrukturen überlebt? Was fehlt der Partei, und was brauchte sie, um den Weg zur Macht zu finden?

In einer Zeit, in der die Programme aller größeren Parteien aufeinander zustreben und die Grenzen zwischen ihren Wählergruppen sich verwischen, ist die Frage nach bestimmten Zielgruppen falsch gestellt. Sie kommt aus einem Vorverständnis, für das die entscheidenden Konfliktlinien in einer Gesellschaft zwischen Interessen- und Glaubensgruppen verlaufen: zwischen Arbeitern und Kapitalisten, Protestanten und Katholiken, oben und unten. Es handelt sich, in dieser Sicht, vorwiegend um Verteilungskonflikte. Sie setzen einen Rahmen voraus, den Rahmen des nationalen Staats. Die traditionelle Parteienlandschaft setzt den Nationalstaat als einen Raum mit einer selbstverständlichen und gebieterischen Außengrenze voraus.

In der veränderten Weltlage aber, in der Waren, Waffen (nicht Kriege!), Kapitalien, Menschen und Moralen über die Grenzen drängen, relativieren sich die Konflikte zwischen den Gruppen im Innern. Sie schwächen sich ab. Sie werden von einem Schleier neu sich bildender gemeinsamer Interessen überzogen. Der Arbeiter, der seinen Arbeitsplatz durch Konkurrenz aus Korea oder Polen bedroht sieht, spürt, auch wenn er seinen Unternehmer verantwortlich macht, mit diesem eine Gemeinsamkeit des Drucks von außen.

Unmerklich, im Reich der Stimmungen, nicht in dem der Ideen, verliert der Klassenkonflikt seine Verve. Das "Wir hier unten - ihr da oben" verwandelt sich in ein "Wir hier drinnen - ihr da draußen". Keine politische Partei ist noch mehrheitsfähig, wenn sie sich als Gruppen- oder Klassenpartei versteht.

Die Partei wird gewählt, der man die Lösung des gemeinsamen Problems zutraut: Arbeitslosigkeit zu verringern, Unternehmen zu halten und neu anzusiedeln.

So geht es auch mit den anderen Problemen: der Finanznot der sozialen Sicherungssysteme und des Staats, überfüllten Universitäten, knappen Ausbildungsplätzen, Kriminalität, Drogen, Euro, Umwelt, Einsatz der Bundeswehr, Zuwanderung. Wie schnell sie die Plätze tauschen, unwichtiger oder wichtiger werden! Entscheidend ist hier: Keins von ihnen wird politisch als Problem bestimmter Schichten, als Konflikt zwischen oben und unten verstanden. Es sind übergreifende Probleme gesellschaftlichen Wachstums und gesellschaftlicher Öffnung. Vertraute Interessengegner liegen sich, wie Boxer in der vorletzten Runde, in den Armen. Arbeiter, gestern noch wegen der Lohnfortzahlung auf den Barrikaden, laufen nicht mehr Sturm gegen Unternehmer, sondern drängen mit ihnen gemeinsam auf niedrige Lohnnebenkosten. Studenten und Professoren leiden einträchtig unter der Universitätsmisere. Richter und Staatsanwälte werden nicht mehr der Klassenjustiz an Angehörigen der Unterschichten geziehen, sondern von diesen zu härterem Vorgehen angespornt.