Wer mag sich da schon beschweren? "Ich weiß, daß ich zu den Privilegierten im Lande gehöre", sagt Ananta Kettemer. Als Weiterbildungslehrer für Arbeitslose verdient der 45jährige brutto etwa 100 000 Mark im Jahr und liegt damit immerhin runde 40 000 Mark über dem bundesdeutschen Durchschnitt. Gewiß kein Spitzengehalt, aber genug, sollte man meinen, um sich ums Geld nicht allzu viele Sorgen machen zu müssen. Wenn dann noch Ehefrau Claudia, 38, eine erfahrene Erzieherin, voll berufstätig wäre, würde es locker für ein komfortables Leben zu zweit reichen.

Ist sie aber nicht, denn die meiste Zeit kümmert sich Claudia Kettemer um die gemeinsamen Kinder Lisa, 9, und Lukas, 6. Mehr als ein paar Mark, stundenweise durch Honoraraufträge zusammengejobbt, kann sie zum Haushaltsbudget nicht beitragen. Deshalb leben alle vier weitgehend vom Gehalt ihres Mannes. Und deshalb sind Sorgen ums Geld den Kettemers alles andere als fremd. "Vor zwei Jahren", sagt er, "hat mich das Ganze noch völlig fertiggemacht. Da sind wir nie auf einen grünen Zweig gekommen." Mittlerweile sieht er die Dinge ein wenig gelassener. Er weiß aber auch: "Wirklich ändern wird sich unsere Lage nur, wenn die Kinder groß sind - oder wenn wir irgendwann erben sollten."

Nicht daß die Kettemers arm sind. Sie zählen zur Mittelschicht der Bundesrepublik, ihre Kinder leiden keinen Hunger, sie tragen nicht Hemden und Hosen aus der städtischen Kleiderkammer. Und doch zeigt das Beispiel der Normalfamilie Kettemer, daß es im Wohlstandsland Deutschland auch mit einem überdurchschnittlichen Einkommen eng werden kann - wenn man das Wagnis eingeht, gemeinsam Kinder in die Welt zu setzen. Es zeigt sozusagen auf hohem Niveau, welche Probleme Familien haben und wie, bei aller Liebe, Elternschaft die ökonomischen Lebenschancen beeinträchtigt. Denn wenn auch andere Verteilungskämpfe sehr viel lautstärker ausgetragen werden: Die Ungleichheit zwischen Eltern und Kinderlosen, die Konkurrenz zwischen Familien und Alten um öffentliche Unterstützung gehören zu den wichtigsten Konflikten in der deutschen Gesellschaft.

Stolze 5755 Mark netto überweist Ananta Kettemers Arbeitgeber jeden Monat, inklusive zweieinhalb Sätze Kindergeld - Kettemer hat noch eine ältere Tochter aus einer früheren Beziehung -, aber abzüglich 940 Mark für die Krankenkasse und dem Pflichtsatz von 420 Mark Unterhalt für das Mädchen, das bei seiner Mutter lebt. Bleiben 4395 Mark.

Früher, bevor die Kinder kamen, hatten die Kettemers im Hamburger Schanzenviertel, einem lebendigen, aber sehr rauhen Szenestadtteil, eine billige Wohnung, direkt über einem lärmenden Jugendzentrum. Nach Lisas Geburt suchten sie etwas Passenderes; nur galten damals, mehr noch als heute, junge Familien bei Hamburger Maklern und Hausbesitzern als gleichsam aussätzig. Sie suchten vergebens über ein Jahr im Stadtgebiet, bis sie es aufgaben und ins nordwestliche Umland auswichen. Dort fanden sie ein schlichtes Häuschen, 75 nicht eben luxuriöse Quadratmeter für 1350 Mark Miete, plus 376 Mark für Strom und Gas.

Nun sind zwar Pferdekoppeln nicht weit, dafür aber Schule, Einkaufsläden, Sportvereine, Freunde. Verläßlich an den Unterrichtszeiten der Kinder ist nur, daß sie selten parallel liegen, einen Schulbus gibt es nicht, fürs Fahrrad ist der Weg zu lang und zu gefährlich, allemal für den kleinen Lukas. Also kurvt Mutter Claudia den halben Tag mit dem alten VW-Passat durch den Landkreis.

Das kostet nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld. Deutlich mehr als 300 Mark im Monat kassieren allein Tankstellen und die Haftpflichtversicherung. Vor allem: An eine regelmäßige Erwerbsarbeit ist für Claudia Kettemer unter diesen Bedingungen nicht zu denken, das System verlangt die selbstlose Mutti alter Schule. Für Sohn Lukas zumindest hat sie einen von zwanzig handverlesenen Hortplätzen in der Schule ergattert. Nun ist der Junge immerhin bis 14 Uhr betreut - was 140 Mark im Monat kostet, ohne Mittagessen. Weil Ananta Kettemer zur Arbeit nach Hamburg kommen muß, braucht er eine Monatskarte: für 110 Mark. Miete, Auto, Hort: bleiben, als Zwischenbilanz, gut 2100 Mark.