Die Uno stellt dem einst für sein blühendes Geistesleben und Bildungswesen berühmten Land einen Krankenschein aus: "Die Kultur in Deutschland befindet sich in einer prekären Lage."

Die beklagt ein Bericht der Weltorganisation zum Abschluß der "Weltdekade für kulturelle Entwicklung". Immer öfter werde Kultur zurückgedrängt. Täglich müßten sich Theater, Opern, Literaturhäuser, Bibliotheken und Kultur-Institute zur Wehr setzen. Da der Unterhalt von kulturellen Zentren zu den freiwilligen Aufgaben von Ländern und Städten zähle, werde der Rotstift immer öfter gezückt: "Es war nicht möglich, der Kultur einen besonderen Stellenwert zu vermitteln", heißt der Schlußsatz, der einer Ohrfeige gleichkommt.

Fast zur selben Zeit protestiert das Präsidium des deutschen PEN-Zentrums, "bestürzt und tief enttäuscht", gegen die Entscheidung der Bundesregierung, schon wieder Goethe-Institute (GI) zu schließen. Selbst der Vorsitzende des Auswärtigen Bundestagsausschusses, Karl-Heinz Hornhues (CDU), nennt es eine "außen- und kulturpolitisch falsche Entscheidung", nach so vielen Schließungen deutscher Kulturhäuser in den vergangenen Jahren 1998 weitere neun Goethe-Institute zuzusperren: rhus (Dänemark), Brasília, Canberra (Australien), Daressalam (Tansania), Lahore (Pakistan), Marseille, Reykjavík (Island), St. Louis (USA), Tampere (Finnland).

Zwar sind neue Institute in anderen Teilen der Welt geplant - Vilnius (Litauen), Taschkent (Usbekistan), Ramallah (in den palästinensischen Autonomie-Gebieten). Gleichwohl kommt der Präsident des Goethe-Instituts, Hilmar Hoffmann, nicht umhin, das Verscherbeln "unseres Tafelsilbers, zu dem wir gezwungen sind", laut zu beklagen: "Kulturpolitisches Kapital im Ausland ist leicht verspielt, aber äußerst schwer wiederzugewinnen."

Auf das bloße Gerücht hin von der Schließung des Goethe-Instituts in Palermo hat eine der großen Gestalten deutscher Geisteskultur, der in Heidelberg lebende Philosoph Hans-Georg Gadamer, fast so alt wie das Jahrhundert, heftig protestiert: "Mit großer Sorge verfolge ich die dem Goethe-Institut drohende Amputation. Wenn man die Sprache der Zahlen für das letzte Wort hält, versteht man das. Aber für die Kenner der auswärtigen Politik ist es doch ein offenes Geheimnis, daß Süditalien und Sizilien im politischen Selbstbewußtsein des nördlichen Teils Italiens mit Einschluß von Rom noch immer in einem volkswirtschaftlich wie kulturell katastrophalen Abseits stehen."

Seit 1994 muß das Goethe-Institut jährlich 1,5 Prozent Stellen einsparen, von 1998 an gleich 2 Prozent. Bis zum Jahr 2000 bedeutet dies einen Abbau von 120 Stellen und die Schließung von weiteren 15 Instituten. Zur Zeit gibt es 141 Institute in 76 Ländern, die 1996 vom Auswärtigen Amt 310 Millionen Mark erhielten. Das GI ist, mit weltweit 3500 Mitarbeitern, die größte Mittlerorganisation deutscher Kultur im Ausland, neben Deutschem Akademischem Austauschdienst (DAAD) oder Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH).

Da versteht man, daß Hilmar Hoffmann, als er neulich bei den Buchhändlertagen in Saarbrücken sprach, der Kragen platzte und er "gegen ein Europa der Dummen" vom Leder zog: "Längst kennen wir die Klagen über einen zunehmenden sekundären Analphabetismus. Wir wissen auch um den beschleunigten Zerfall vieler Institutionen des Wissens, der Forschung, der Bildung und der Kultur in Europa ... Zur gleichen Zeit lesen wir bei Anthony Giddens, dem intellektuellen Berater der neuen Regierung von Premierminister Tony Blair in England, diese programmatische Formel: ,Eine Welt der gesteigerten Reflexivität ist eine Welt der gescheiten Leute.' Giddens fordert eine Welt von Menschen, die es nicht mehr nur den Spezialisten überlassen, mit der durch das Internet vergesellschafteten Ressource Information umzugehen. Bekommt das Wort vom ,sozialen Europa' jetzt endlich eine kulturelle Komponente?"