Ziemlich undurchsichtig", resümiert ein hoher Regierungsbeamter in Bonn. "Totale Intransparenz", attestiert ein erfahrener Börsenprofi in Frankfurt. "Ehrlich gesagt, da blickt doch kaum jemand richtig durch", lautet das Fazit eines gestandenen Bankers in München. Die seltene Einmütigkeit der Finanzexperten ist kein Zufall: Japans Finanzwelt ist Europäern und Amerikanern ein Buch mit sieben Siegeln, daran hat die Globalisierung bisher nichts geändert.

Der Zusammenbruch des ehrwürdigen Wertpapierhauses Yamaichi Securities und seine obskuren Begleitumstände haben Regierungschefs, Notenbanker und Börsianer rund um den Globus in helle Aufregung versetzt. Japans größter Firmenkollaps seit dem Zweiten Weltkrieg, so fürchten Politiker und Anleger, ist nur der vorläufige Höhepunkt. "Wir sehen derzeit nur die Spitze eines Eisberges", sagt Larry Anderson, Geschäftsführer der WestLB Research in Düsseldorf.

Die Analyse trifft ins Schwarze. Dutzende japanische Finanzinstitute haben ungeheure Probleme. Vor dem Traditionsunternehmen Yamaichi - ausgerechnet im 100. Firmenjahr verkündete Unternehmenschef Shohei Nozawa schluchzend und mit gebeugtem Haupt das endgültige Aus - waren allein im November zwei namhafte Institute zusammengebrochen. In den vergangenen drei Jahren schlitterten gar mehr als zwanzig Geldhäuser in die Pleite.

Die Schwächen, die jetzt überdeutlich zutage treten, sind Folge des früheren Booms. Durch explosionsartig gestiegene Immobilien- und Aktienpreise hatten sich die Finanzinstitute des Inselstaates in den achtziger Jahren reich rechnen können. Doch es kam, wie es kommen mußte: Die kreditfinanzierte Spekulation ist geplatzt, Grundstückspreise und Aktienkurse sind dramatisch gesunken. Wie viele Billionen ausgeliehene Yen Japans Banker abschreiben können, vermag in Tokio niemand exakt zu sagen. Klar scheint nur: Mehrere hundert Milliarden Mark sind das Minimum.

Zum Glück hat der monetäre Knall noch nicht die Tokioter Bankenmeile Otemachi erfaßt. Wenn eine der Großbanken fällt, droht den internationalen Finanzmärkten ein verheerender Domino-Effekt. Schließlich ist im Zeitalter der globalen Verbundwirtschaft vor allem der Banksektor eng vernetzt. Auch deutsche Finanzhäuser, deren Engagement gerade in dieser Region stark zugenommen hat, wären unweigerlich betroffen.

Das Yamaichi-Debakel trifft die zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Trotz historisch einmalig niedriger Zinsen will sich ein seit langem herbeigesehnter Aufschwung nicht einstellen. In dieser konjunkturell prekären Lage trifft die Wirtschafts- und Währungskrise der Nachbarländer vor allem die Exportwirtschaft des Landes mit voller Wucht. Die Deutsche Bank prognostiziert Japan 1998 nur noch ein mickriges Wachstum von einem Prozent. Dies wiederum wirkt sich negativ auf die Weltwirtschaft aus. Es sind aber keineswegs nur unglückliche Umstände, die Japan in die Bredouille gebracht haben. Die regierenden Liberaldemokraten (LDP) haben auf das Platzen der Spekulationsblase jahrelang allenfalls halbherzig reagiert. Statt an den Ursachen anzusetzen, dokterte die LDP meist nur an den Symptomen herum. Das Ziel, mit einem tösenden Liberalisierungsknall (Big Bang) die total verkrusteten Strukturen der heimischen Finanzindustrie aufzubrechen und sie für echten Wettbewerb fit zu machen, liegt unverändert in weiter Ferne.

Tokios Regierung glaubt immer noch, mit eher abgeschotteten und hochgradig regulierten Märkten im internationalen Ringen um Marktanteile bestehen zu können. Die Reformunfähigkeit von Nippons Kartellkapitalismus verdeutlicht der Yamaichi-Konkurs nur allzusehr. Zwar hat Finanzminister Hiroshi Mitsuzuka recht, wenn er "das verantwortungslose Management" geißelt. Der Vorstand um den tränenreichen Nozawa legte tatsächlich ein erstaunliches Maß an krimineller Energie an den Tag, indem er Unterweltaktionäre, sokaiya genannt, zu Lasten der Kleinanleger fürstlich bediente, Verluste verschleierte und Defizite durch Scheinfirmen auf den Cayman Islands kaschierte. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.