Waren Sie schon bei der alten Sakehändlerin direkt neben dem Geburtshaus von Oe? Die kennt die Familie Oe gut, ihr Geschäft ist eines der ältesten im Ort!" Das Postfräulein von Ose sperrt den überaus bescheidenen Gedenkraum gleich neben dem Postamt auf. An den Wänden einige alte Photos von Ose, aufgezogen auf Preßspanplatten, zwei, drei Aufnahmen von Kenzaburo Oe anläßlich der Verleihung des Nobelpreises 1994, daneben vergilbte Kopien von Zeitungsartikeln.

"Hat sich ziemlich verändert, unser Ort hier, finden Sie nicht?" Und mit einem raschen Seitenblick aus schrägen Augenwinkeln: "Sie müssen doch schon einiges gesehen haben, sind Sie nicht gestern schon hier gewesen und vorgestern auch und ...?" Das Postfräulein wird verlegen und zeigt auf ein Regal, in dem fein säuberlich alle Bücher aufgereiht sind, die Oe geschrieben hat. Murmelt etwas von schwieriger Literatur. "Ose Heimatstätte der Literatur" steht auf dem Prospekt, den sie mir gemeinsam mit einem handgemalten Postkartenset und einer Telephonwertkarte abschließend in die Hand drückt. Prominente Ortsansichten mit dem berühmten Kakibaum, den der letzte Taifun hinwegfegte.

Die alte Sakehändlerin ist einem Tratsch tatsächlich nicht abgeneigt, ja sie scheint erfreut über die Abwechslung in dem kleinen ruhigen Ort. "Sieben Kinder waren es bei den Oes, und Kenzaburo hatte die größten Ohren", kichert sie. "Keines der Kinder hatte so große Ohren wie er." Plötzlich wird sie rot, als hätte sie zuviel verraten. Mit der flachen Hand wischt sie über den Ladentisch. Im Wandregal hinter ihr verstaubt der japanische Whisky. Im Herbst 1994, da war etwas los in Ose. Zahlreiche Neugierige, und sogar ein Fernsehteam, kamen angereist und wollten sehen, wo ihr Nobelpreisträger für Literatur herstammt, immerhin erst der zweite nach Kawabata. Seither ist das Haus der Familie Oe versperrt.

Das Holzhaus gleich neben dem Sakeladen ist es, das schönste und größte im Ort. "Die Touristen glaubten alle, das sei das Museum, und gingen einfach hinein. Dabei wohnen dort die Schwägerin und die Mutter, das heißt, zur Zeit ist die Schwägerin, Witwe des ältesten Bruders, alleine. Sie führt die Propangashandlung unten weiter." Zweifellos, die Alte kennt die Familiengeschichte genau. Zu jedem Familienmitglied fällt ihr etwas ein. "Der Cho-nan, also der älteste Bruder, der sich der japanischen Tradition nach um die Eltern kümmern muß, hat nach dem Tod des Vaters den Propangashandel übernommen. Der alte Oe hatte früher Washi verkauft. Sie kennen Washi, das handgeschöpfte Papier, aus dem bei uns Geld gemacht wird?" Der Bruder sei Mittelschullehrer gewesen und habe auch geschrieben - Gedichte. Er sei vor ein paar Jahren gestorben, seine ältere Schwester erst kürzlich. "Zu deren Begräbnis ist Kenzaburo nicht gekommen ... Koishi, der alten Mutter, geht es sehr schlecht ... Aber das Haus ist schön, nicht? Vor elf Jahren haben sie es neu gebaut, im alten Stil mit diesen Holzjalousien vor den Fenstern."

Zwölf Uhr mittags - über Lautsprecher, strategisch im ganzen Ort verteilt, ertönen die ersten Takte der "Ode an die Freude". Die ganze Insel Shikoku liebt Beethoven, und das dreimal täglich. Um 12, 18 und 21 Uhr. Während des chinesisch-japanischen Kriegs hatten japanische Militärs in der Mandschurei sangesfreudige deutsche Kriegsgefangene gemacht und in Shikoku interniert. So hatte Beethovens "Ode an die Freude" von Shikoku aus den Siegeszug durch ganz Japan angetreten. Und auch I-Ah, jener Junge in dem Roman "Stille Tage", mit dem Oe seinen musikliebenden Sohn Hikari umschreibt, liebt Beethoven: "I-Ah sah den Film mit mir zusammen ausnahmsweise bis zum Ende an, da ihn die Musik interessierte ... Als anschließend die Ode an die Freude aus Beethovens Neunter Symphonie ertönte, dirigierte er jedenfalls eifrig mit und aufrecht sitzend."

Musik, komponiert vom behinderten Hikari, sollte in dem geplanten Museum gespielt werden. Das war vorgesehen, damals, 1994, als der Bürgermeister in den Zeitungen über touristische Ausbaupläne für Ose berichtete. Ein Museum mit einer Kollektion von Materialien zu den Werken Oes. Wer heute danach fragt, erntet nur mehr ein bedauerndes Kopfschütteln. Die Aufregung hat sich längst gelegt. In Uchiko, der Gemeinde, zu welcher der 2600 Einwohner zählende Ort Ose gehört, hat der einzige Buchhändler weit und breit zwar noch einige Bücher des Schriftstellers im Sortiment. Verlangt werden sie aber kaum mehr. Der plötzliche Boom, als sich jeder rasch und verstohlen ein Werk des großen Heimatsohns ins Bücherregal stellen wollte, ist vorbei. Gegen die Konkurrenz der Mangas, der populären Comics, kommen Bücher wie "Eine persönliche Erfahrung", "Der kluge Regenbaum", "Agui, das Himmelsmonster" oder "Stille Tage" einfach nicht an.

Dabei kann Uchiko durchaus mit Kultur aufwarten: Aus der Blütezeit der Baumwachsproduktion im 18. und 19. Jahrhundert stammt ein Ensemble lehmverputzter Häuser, die heute als nationales Kulturgut unter Denkmalschutz stehen. Der besondere Stolz des Orts ist jedoch das kleine Kabukitheater, das vor zehn Jahren vor dem Verfall gerettet wurde. Heute gastieren dort berühmte Truppen wie das Kabukitheater Osaka.