Wenn Anfang Dezember Delegierte aus aller Herren Länder im japanischen Kioto um die Emission von Treibhausgasen verhandeln, dann stützen sie sich auf eine Annahme: Das Weltklima werde sich in den nächsten hundert Jahren um etwa zwei Grad erwärmen, wenn die Menschen weiterhin zunehmend fossile Brennstoffe verheizen und die Atmosphäre mit Kohlendioxid belasten. Naturwissenschaftlich sei alles klar, meint beispielsweise die EU-Umweltkommissarin Ritt Bjerregaard (siehe nebenstehendes Interview).

Somit glauben die Umweltdiplomaten in der Klimadebatte fester an Computerprognosen als viele Naturwissenschaftler. Zwar nehmen auch die meisten Klimamodelleure eine künftige Erwärmung der Erde an; der Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) belegt dies. Aber die Zweifel wachsen, daß dessen Prognosen sich in hundert Jahren tatsächlich als Volltreffer erweisen, insbesondere bei den Geologen und Paläoklimatologen.

Grob vereinfacht verläuft eine Konfliktlinie zwischen Rechnern und Bohrern: Während erstere ihren Computern dermaßen einheizen, daß die Maschinen ohne Klimaanlagen gar nicht mehr auskommen, bohren letztere mit einem Fleiß, der jeden Erdwurm vor Neid erblassen läßt: am Nord- und am Südpol, im Hochgebirge und im Boden der Tiefsee. Kein Material, das natürlich gewachsen ist und in seiner Struktur Klimageschichte gespeichert hat, ist vor den Meißeln der Paläoklimatologen sicher. Dies gilt für Gletschereis und Korallen, Meeresund Seesedimente, Salzablagerungen oder Baumringe.

Aus den Paläoklimadaten geht hervor: Bezogen auf die vergangenen 500 000 Jahre, leben wir derzeit in einer sehr untypischen Phase, die außergewöhnlich warm und klimatisch stabil ist. In der Vergangenheit herrschte zu neunzig Prozent Eiszeit, gepaart mit drastischen Klimaschwankungen. Entwickeln sich die globalen Temperaturen weiter wie gehabt, dann ist die nächste Kaltzeit gewiß.

Die Streitfrage lautet nur: Wie schnell wird's wieder kalt?

Jörn Thiede, einer der führenden deutschen Meeresforscher, formuliert das so: "Paläoklimadaten lassen nur wenige Zweifel daran, daß die gegenwärtige Warmzeit ihrem Ende zugeht. Ob sich unser Klima wieder einer Eiszeit nähert, wie die zyklischen, natürlichen Klimaänderungen andeuten, oder ob der angenommene Treibhauseffekt die natürliche Entwicklung überlagert, das ist die große Frage." Thiede ist frischgebackener Direktor des Alfred-Wegener-Institutes für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, einer Großforschungseinrichtung des Bundes. Die Umzugskisten aus Kiel, wo er bis vor kurzem das Geomar-Forschungszentrum leitete, stehen noch unausgepackt in seinem Büro. Doch das bremst nicht seinen Elan, den Besucher von der heraufziehenden Kälteperiode zu überzeugen: "Vergleichen Sie diese Daten von Meeressedimenten aus dem Eem, der vorletzten Warmzeit vor 120 000 Jahren, mit jenen aus unserer jetzigen Warmzeit, dem Holozän. Man sieht deutlich den parellelen Verlauf der Sedimente, die von wärmeliebenden Organismen stammen. Vor rund 10 000 Jahren, mit dem Beginn des Holozäns, machten sich die wärmeliebenden Lebewesen breit, ihre Zahl durchlief dann vor etwa 5000 Jahren ein Maximum, und seither geht es wieder deutlich bergab." Haben also Nordund Ostsee vor einigen tausend Jahren stärkere Algen- und Planktonblüten erlebt als in jüngster Zeit? Jörn Thiede nickt. "Sedimentuntersuchungen in der Ostsee belegen, daß das Absterben allen Lebens am Meeresgrund auftrat, lange bevor mögliche Überdüngungseffekte durch menschliche Aktivitäten einsetzten."

Auch der Warmwassertransport durch den Golfstrom und die nordatlantische Drift nach Nordeuropa scheinen sich abzuschwächen. Deutsche und skandinavische Meeresforscher haben zwischen Grönland und Zentralnorwegen eine Kette von Sedimentbohrungen im Nordatlantik niedergebracht und gefunden, wie oft in der Vergangenheit Warmwasser in diese Bereiche vorgedrungen ist. "Warme Phasen wie heute waren in den letzten 400 000 Jahren dort sehr selten. Und wir sehen in jüngster Zeit ein deutliches Abflauen des Wärmetransportes", erklärt Thiede. Es sei klar, "daß wir uns von dem Optimum bereits weit entfernt haben und uns ganz in der Nähe einer eiszeitlichen Entwicklung befinden". Diese Erkenntnis werde gestützt durch Entdeckungen in Eisbohrkernen aus Grönland. "Sie zeigen, daß im Lauf weniger Jahre bis Jahrzehnte extreme Klimaschwankungen auftreten können, die zum fast völligen Umschlag von Eis- in Warmzeiten geführt haben. Diese Entdeckungen machen es schwierig, die zukünftige Entwicklung unseres scheinbar so stabilen Klimasystems zu bewerten, und führen in eine fast dramatische Dimension. Jedenfalls sollten sie eine Warnung sein, was an Klimaveränderlichkeit künftig auf uns zukommen kann."