Der Doppelkopf ist weg. Wer die SPD im Internet besucht, hält vergeblich Ausschau nach dem Photo, auf dem Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder so einträchtig lächeln, als sei die Doppelspitze das Ziel ihrer Karrierewünsche. Die Homepage der Sozialdemokraten ziert nur noch das Portrait einer Person - des Vorsitzenden Lafontaine. Schröder ist rausgefallen.

Nun muß der virtuelle Alleingang des Saarländers noch keine Entscheidung im Rennen um die Kanzlerkandidatur bedeuten. Aber kurz vor dem Parteitag, der am nächsten Dienstag in Hannover beginnt, ist den Sozialdemokraten ihre gekünstelte Unbekümmertheit im Umgang mit der Kandidatenfrage abhanden gekommen. Allzu unverblümt haben Lafontaines Berater in den vergangenen Tagen verbreitet, Schröder würde auch einen guten Superminister für Wirtschaft und Finanzen abgeben. Was Wunder, daß diesem der Geduldsfaden riß: "Da bringen einige Leute meinen Landtagswahlkampf in Gefahr, die sollen gefälligst ihre Finger raushalten." Er könne doch seinen Wählern nicht sagen, "ich will wieder Ministerpräsident werden, würde aber auch für jeden beliebigen Job nach Bonn gehen", erregt sich Schröder und kontert: Wenn's nach Bonn geht, dann nur ins Kanzleramt.

Lafontaine räumt im Gespräch ein, daß Schröders Klarstellung verständlich sei. Bis zur Niedersachsenwahl am 1. März würde dem Hannoveraner nun ständig die Frage gestellt, was er werden wolle, da könne er kaum sagen: zur Not auch Bötsch-Nachfolger. Doch so energisch die Intervention des Kandidaten in Wartestellung auch wirkt - es ist ein Vorstoß aus der Defensive heraus. Schon werden Vorwürfe laut: Schröder könne nicht stillhalten, sei nur an der Kanzlerschaft interessiert und bringe das Führungstandem in Gefahr.

Der Eindruck drängt sich auf, daß Lafontaine souveräner mit der Doppelspitze umgeht als Schröder. Dessen Chancen sind gesunken. Schröders Freunde und Berater wie Bodo Hombach, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD in Nordrhein-Westfalen und Mitglied im Wahlkampfstab der Sozialdemokraten, sagen offen: "Die Dinge laufen schlecht." Hombach meint sogar, Schröder könne nur noch Kandidat werden, "wenn er bei der Landtagswahl in Niedersachsen dazugewinnt und die Partei nicht um ihn herumkommt". Auch Hermann Rappe, legendärer Vorsitzender der IG Chemie und Förderer von Schröder, meint, er müsse "mindestens sein letztes Ergebnis halten, damit er sich als Kanzlerkandidat durchsetzen kann".

Der so fürsorglich Belagerte weiß nicht, wie ihm geschieht: Vor Aufregung über Lafontaines lautloses Vorrücken legen Schröders Vertrauensleute die Hürde für ihn unerreichbar hoch. 1994 hatten immerhin 44,3 Prozent der niedersächsischen Wähler für die SPD gestimmt, eine Emnid-Umfrage sieht sie jetzt aber nur noch bei 43 Prozent. Mit einigem Recht verweist Schröder darauf, daß die Partei in den vergangenen Landtagswahlen stetig verloren hat: Er vollbringe mithin schon eine besondere Leistung, wenn er das Ergebnis von 1994 annähernd erreichen kann; er hat sich sogar eine Toleranzmarke von minus zwei Prozent zugebilligt. Wenn es ihm gelingt, diese einzuhalten, würde Schröder sich zwar nicht schon am Wahlabend selbst zum Kandidaten ausrufen; aber eine Absprache über die Kandidatur sei dann auf jeden Fall notwendig. Und dabei will er berücksichtigt wissen: "Wenn die Wahl ihre Bedeutung hat, dann das Ergebnis auch."

Im Lafontaine-Camp werden dagegen bereits Überlegungen angestellt, wie der Parteichef auch bei einem Schröder-Sieg in Niedersachsen einvernehmlich zum Kanzlerkandidaten gekürt werden könnte. Sei die Macht erst errungen, würde er nach einiger Zeit Schröder dranlassen.

Nicht nur an diesen Gedankenspielen wird deutlich, daß Schröders Pläne ins Rutschen geraten. Auch auf dem Parteitag in Hannover wird er nicht die gewünschte Rolle spielen können. Eigentlich wollte Schröder die inhaltliche Offensive vorantreiben, die er mit der Veröffentlichung seiner Wirtschaftsthesen im September gestartet hat. Nun aber muß der Modernisierer sich damit begnügen, erst am letzten Tag zu den Delegierten zu sprechen. Brav bestätigt er die offizielle Lesart, das sei vernünftig, weil mehr Zeit zum Diskutieren bleibe. Einem seiner Berater schwant dagegen Übles: "Es gibt so eine Stimmung, Schröder zu enteiern." Diesem unerquicklichen Schicksal könne er nur entgehen, "wenn er nicht versucht, den Delegierten zu gefallen; dann machen sie ihn fertig. Er muß unverwechselbar bleiben."