Gegen Antisemiten sind wenige Kräuter gewachsen, gegen sie hilft nur die Staatsanwaltschaft und, unterhalb der Schwelle des Justiziablen, politische Intoleranz, doch über politische Strategien zur bürgerlichen Verbesserung der Deutschen wollte ich nicht sprechen, sondern darüber, daß es doch auffällig ist, wie wenig störend das Gut-Sein bei Nathan, den das Stück den Weisen nennt, ist. Der Grund für diesen überraschenden Umstand liegt in einem Kunstgriff, den man wohl fast immer unbeachtet läßt. Wir wissen nämlich nicht, ob Nathan in einem planen Sinne "gut" ist. Lessing gibt uns keine Monologpassagen, die uns erlaubten, Schein und Wahrheit miteinander abzugleichen.

Könnte Nathan nicht ebensogut ein Heuchler sein? Der Tempelherr meint dies einmal durchaus: "der tolerante Schwätzer ist entdeckt!". Aber die Sache mit Recha, auf die das gemünzt ist, klärt sich, wie wir wissen. - Wir wissen nicht, was Nathan denkt. Wir wissen nur, was er sagt und tut. Und wir wissen, daß er vorsichtig ist. Denn er hat allen Grund. Die Denunziantin - in aller Frömmigkeit, versteht sich - hat er im Haus. Daja.

"So seid Ihr nun! Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt! - Nimm du so gern, als ich dir geb': - und schweig!" Worüber? Nun, über die nämliche Sache, die mit Recha. Daß er, der Jude, ein Christenkind aufzieht. "Ich schweige. Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht, und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann, -Nicht kann, - komm' über Euch! - Komm über mich! -" Es ist der alte Fluch, der Fluch, der Fluch, der die antisemitische Karriere des Abendlandes bis zur Schoah begründet hat. Allein er sollte uns vorsichtig machen, Nathans Worte als Beschwichtigungen aufzufassen. Dajas Schweigen wird gekauft. Ihr Leben bei Nathan ist in aller Unschuld eine Einkunftsquelle.

Mit dem "und schweig" und mit dem "Komm über mich" endet die Exposition und beginnt die eigentliche dramatische Erzählung. Lessing war ein Meister der Technik der Exposition, und die des "Nathan" endet mit einer Erpressung und dem Zitat eines Fluches. Und so geht es immer fort: Nathan wird vom Tempelherrn erpreßt, desgleichen von Saladin: Der will den Juden in eine Position zwischen den beiden anderen Konfessionen manövrieren, aus der er sich nur noch mit billigen Krediten freikaufen kann, ein Anschlag, der dann zur Ringparabel, dem dramatischen Zentrum des Stückes, führt, der Humanitätsbotschaft.

Die Ringparabel - aber was ist mit dem sie einleitenden Monolog Nathans, dem einzigen im Stück, in dem aber nichts Privates fällt, nichts von inneren Geheimnissen ad spectatores laut wird, sondern allein taktisches Raisonnement: "Nicht nur die Kinder speist man mit Märchen ab"? Desavouiert diese kalte Bemerkung den Ernst der Erzählung? Dieser jene? Hier streiten sich die Ausleger, und sie streiten sich so ohne Aussicht auf einen verbindlichen Schluß, daß man sie mit der Nase darauf stoßen möchte: Es bleibt eben offen, Lessing will hier keine Eindeutigkeit, er hätte sie sonst hergestellt.

Als aber der Klosterbruder den dramatischen Knoten aufzieht und Rechas Herkunft enthüllt, spricht Nathan, als wäre niemand dabei, trotz der Anrede des "Ihr wißt wohl nicht", die ihn immer weiter in jene eigene Erinnerung zieht, die ihn von aller Welt absondert: "Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenige Tage zuvor, in Gath die Christen alle Juden mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt wohl nicht, daß unter diesen meine Frau mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich befunden, die in meines Bruders Hause, zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt verbrennen müssen. (...) Als ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch' und Staub vor Gott gelegen, und geweint. - Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht; der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworen - (...). Doch nun kam die Vernunft allmählig wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': ,und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast; was sicherlich zu üben schwerer nicht, als zu begreifen ist, wenn du nur willst. Steh auf!'" Nur das: Steh auf!

Der Klosterbruder, damals noch Reitknecht, übergibt das verwaiste Kind. "So viel weiß ich nur; ich nahm das Kind, trugs auf mein Lager, küßt' es, warf mich auf die Knie' und schluchzte: Gott! auf Sieben doch nun schon eines wieder!" Nathan bleibt an das Pogrom, die Feuer, die Frau und Kinder verbrannten, gebunden. Die Exposition versteht nur, wer das Stück schon kennt. Wenn Daja von Feuer spricht, sieht Nathan schon Verbrannte.