Als die "Mutmassungen über Jakob" erschienen, 1959, war Uwe Johnson 25 Jahre alt, und ich war 18. Johnson hatte drei Jahre zuvor sein Staatsexamen abgelegt, und ich machte gerade das Abitur.

Als ich zum ersten Mal ein Buch von Uwe Johnson las, war ich zweiundvierzig, lebte er sein letztes Jahr. Ein Westberliner Freund hatte mir die "Jahrestage" geschenkt, vier Bände plus Register. Johnsons frühe Bücher las ich noch später.

Seit ich ihn kenne, bewundere ich ihn, natürlich, was sonst, man kann ihn nur bewundern, seine Kunst, seine Klugheit, seine Konsequenz, vor der man sich auch ein bißchen fürchten kann. Aber seine Bedeutung für mich in einem Alter, in dem man sich suchend orientiert, das eine für tauglich befindet, das andere verwirft, in dem Johnson seinen Faulkner fand, seinen Sartre, seinen Joyce, diese mögliche Bedeutung oder ihr mögliches Ausbleiben kann ich nur nachträglich erfinden.

Vor drei Jahren hat Jens Reich "Mutmassungen über Jakob" das "verhinderte Schicksalsbuch der DDR-Jugend der fünfziger und sechziger Jahre, also der Geburtsjahrgänge ungefähr zwischen 1930 und 1950" genannt, also auch meins, mein verhindertes Schicksalsbuch. Liest man das Buch heute, nachdem alles vorbei und Geschichte ist, wir aber noch lebendig und beladen mit allen Warums, die unsere Biographien uns aufgeben, ist man verwundert und erschrocken, daß in einem Buch, das zwei Jahre vor dem Bau der Mauer erschien, alles zu lesen ist, was uns, seine damals verhinderte Leserschaft, die folgenden Jahrzehnte bis zum Irrewerden beschäftigte, aufzehrte, was die Literatur der DDR bis zu deren lächerlichem Untergang sowohl prägte als auch verhunzte, ohne daß sie je wieder die nüchterne, ganz und gar unpolemische Wahrheit der frühen Bücher Uwe Johnsons, "Mutmassungen über Jakob" und "Das dritte Buch über Achim", erreichte, vielleicht sogar ohne daß sie sie erreichen wollte.

Um die letzte Konsequenz vorauszunehmen: Auf Seite 271 der "Mutmassungen" heißt es: "Die Frage Warum gehst du nicht in den Westen heißt richtiger Warum bleibst du hier." Bis ich selbst imstande war, die Frage so zu stellen, und dann keine Antwort mehr darauf fand, vergingen noch neunundzwanzig Jahre. Was wäre möglicherweise anders gewesen, hätte ich Johnson damals gelesen, als sein Buch erschien? Und wer oder was hat verhindert, daß ich es gelesen habe? Es fällt mir schwer, mit Gewißheit darüber Auskunft zu geben, warum ich vor mehr als dreißig Jahren etwas Bestimmtes getan, noch schwerer, warum ich etwas Bestimmtes unterlassen habe.

Also: Warum las ich was? Außer dem Brauchbaren aus dem elterlichen Bücherschrank und der Schullektüre las ich vor allem, was andere mir sagten, daß ich lesen solle. In der elften oder zwölften Klasse lasen wir alle Rimbaud und Prévert. Wann ich mich in Heine verliebte, weiß ich nicht genau, auf jeden Fall früher und ohne erinnernswerte Empfehlung. Meine Verehrung für Brecht wurde durch eine Schulfreundin, deren Mutter am Berliner Ensemble arbeitete, wenigstens befördert, obwohl ich glaube, daß ich ihr auch sonst nicht entgangen wäre. Ob ich Brecht dann zu einer uneingeschränkten Autorität ernannte, weil ich mich in einen Regieassistenten dieses Theaters verliebte, oder ob ich mich in den Regieassistenten verliebte, weil der Abglanz des Meisters ihn umstrahlte, hätte ich vermutlich auch damals nicht genau sagen können. Aber ich las Brecht. Auf die Auswahl meiner Lektüre nahm ich selbst nur insofern Einfluß, als ich entschied, wessen Empfehlungen ich folgen und welches Maß an Leidenschaft ich dabei aufbringen wollte. Ich las Musil, Werfel, Kafka, Celan, Frisch, Dürrenmatt, Walser, Peter Weiss, Beckett, Ionesco. Ich zähle die Namen auf, um den Verdacht, ich hätte Johnson nicht gelesen, weil seine Bücher in der DDR nicht zu kaufen waren, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich habe ihn nicht gelesen, weil niemand mir gesagt hat, daß ich ihn lesen soll, jedenfalls niemand von denen, deren Urteil mir zu maßgeblich erschien, als daß ich ihrem Rat nicht gefolgt wäre. Als ich Manfred Bierwisch - Johnson-Kennern als Jake aus dem Leipziger Freundschaftsbund bekannt - ebendas erzählte, sah er mich an wie ein ihm bis dahin unbekanntes Exemplar unserer Gattung und fragte: "Warum? Warum von anderen? Warum nicht selbst?" Daß ich meine Bücher weder in den Buchhandlungen noch in den Feuilletons ernstzunehmender Zeitungen auswählen konnte, erklärt nicht, warum ich, um mich in der geistigen Welt zu bewegen, der Vermittlung männlicher Kompetenz bedurfte oder zu bedürfen glaubte. Die jungen Männer waren den gleichen Bedingungen ausgesetzt wie die jungen Frauen, aber sie bewegten sich darin anders. Sie nahmen sich ernster. Ich kann mich an eine Gruppe gleichaltriger, also neunzehn- oder zwanzigjähriger junger Männer erinnern, die sich regelmäßig traf, um pfeiferauchend über Literatur und Philosophie zu diskutieren. Ich erinnere mich auch, daß ich sie ziemlich komisch fand, wie sie in den Posen ihrer Väter, die alle bekannte Schriftsteller oder Regisseure waren, ihr Erbe an der Geisteswelt antraten. Aber vielleicht haben sie ja damals auch über Uwe Johnson gesprochen, von dem ich nichts wußte. Diese Episode fiel mir ein, als ich ein Photo aus Johnsons Leipziger Zeit sah, das ihn selbst neben seinen Freunden Bierwisch und Baumgärtner zeigt, alle drei mit Pfeife im Mund, und wieder denke ich, auch die drei haben vielleicht jemanden oder etwas nachgeahmt, wogegen ja nichts zu sagen wäre, weil alles Lernen mit der Nachahmung beginnt und weil jemanden nachahmen heißt: einen Entwurf von sich selbst machen. Wer jemanden nachahmt, der weiß: So will ich sein, für den Anfang. Als ich mir von meinen männlichen Freunden sagen ließ, welche Bücher ich lesen soll, und dabei Uwe Johnson versäumte, wußte ich zwar, wie ich nicht sein und werden wollte, aber einen Entwurf von mir hatte ich nicht.

Mit neunzehn und zwanzig Jahren schrieb Uwe Johnson seinen ersten Roman, "Ingrid Babendererde", den damals weder ein Verlag der DDR drucken wollte, was verständlich ist, noch der Suhrkamp Verlag, was weniger verständlich ist. Es müssen in den fünfziger Jahren andere Interessen vorgeherrscht und andere Maßstäbe gegolten haben als in den Siebzigern und Achtzigern, denn, ich zitiere Joachim Kaiser: "Es ist nämlich schlechthin unmöglich, dieses Buch zu lesen, ohne Staunen über soviel Talent (,Talent' ist gar kein Ausdruck), soviel Heiterkeit. Ohne Bewunderung für soviel politischen Charakter und soviel ironische Genauigkeit. Und ohne Rührung angesichts so scheuempfindsamen Seelenlebens". Jemand, der mit neunzehn Jahren seinen ersten Roman schreibt, nicht Gedichte und nicht Erzählungen, sondern einen Roman, in dem er seine wenige Lebenserfahrung schon mit dem großen politischen Geschehen verbindet und die Frage nach dem Gehen oder Bleiben schon als die existentielle Frage seiner Generation zu seinem Thema macht, der wußte schon fünfzehn- oder sechzehnjährig, wer er sein will in seinem Leben. Der war früh reif. Der nahm sich ernst und fühlte sich verantwortlich für sein Talent. Günter Kunert hat Uwe Johnson einmal als den "deutschesten aller deutschen Erzähler" bezeichnet. Anlaß dieser Bemerkung war zwar nicht Johnsons Literatur, sondern ein von ihm verschmähtes Kaninchen in Rotwein, in welchem er die Kaninchen seiner Kindheit, seinen "Freund Harvey" wiedererkannte, den er auf keinen Fall verzehren wollte und somit Frau Kunerts französische Kochkunst an einer Moral und Prinzipientreue scheitern ließ, die Herr Kunert als deutsch identifizierte. Vielleicht ist Johnsons hochmoralischer Anspruch, der in seinen literarischen Figuren ebenso erkennbar ist wie in der eigenen Biographie, vielleicht ist er deutsch, vielleicht norddeutsch, vielleicht protestantisch geprägt. Vielleicht ist man geneigt, ihn als deutsch zu bezeichnen, weil er so extrem, zuweilen fast verbohrt daherkommt. Ich habe Uwe Johnson immer als einen besonders männlichen Schriftsteller empfunden. Und weil es wirklich vor allem eine Empfindung ist, möchte ich sie auch nicht weiter begründen.