Hören wir den Kunsthistoriker und Vorwortschreiber Guido Vergani, wie er ein Photo beschreibt, das 1973 nicht im Pirelli-Pin-up-Kalender erscheinen durfte: Man sehe, formuliert er, auf dem Bild ein "grellweißes Sahneeis, das in die Spalte eines üppigen, in einen winzigen Büstenhalter eingezwängten Busens gekippt war. Auf den Kopf gestellt, wird dieses Photo völlig pornographisch: ein Hinterteil, aus dem eine cremige ,Blume' erblüht."

Hui! Wie hocherotisch kann doch die Beschreibung eines unterdrückten erotischen Photos sein. Und wie kalt ist die Dusche, wenn man ganz hinten im "großen Pirelli-Kalender Album" nachschlägt, wo das abgestürzte Sahneeis von Allan Jones abgebildet ist und an Reklame für Zewa Wisch & Weg erinnert.

34 Jahre alt ist die Idee, die Gummisohlen unserer Autos mit Hilfe nackter Frauen erotisch aufzuladen. Schon spricht man von einer Legende. Und so will es die Legende: "The Cal" (engl.) beziehungsweise "Il Calendario" (ital.) muß beim Reifenhändler in der hintersten Ecke hängen, neben den Steckschlüsseln und dem Rotkreuzkasten, und wenn der Monat rum ist, hängt im Spind vom Stift ein neues Mädel.

Die Legende will weiterhin, daß ausschließlich Freunde des Hauses Pirelli in den Genuß der Weihnachtsgabe kommen; daß Exemplare der allerersten Ausgabe von 1963 unauffindbar sind; daß für rare Jahrgänge astronomische Preise geboten werden; daß einmal, 1966, der Vatikan bei der Zentrale in Mailand intervenierte, woraufhin die Welt auf den 67er Kalender verzichten mußte.

Jetzt gibt es die Legende, die "Erotik nur andeutet, statt mit dem geraden Faustschlag der Nacktheit aufs Auge einzudreschen" (Vergani), als dickes Album für alle. Und der Verlag kommt mit dem Nachdrucken kaum nach. Endlich können auch wir Nichtschrauber betrachten, was jahrzehntelang ein exklusives Vergnügen von Schmiermaxen und Reifendealern war. Und? Grunzen wir zufrieden? Bekommen wir wenigstens ein ganz klein bißchen rote Ohren?

Ach was - wir sind enttäuscht. So viel verklemmtes Edelgeknipse, kunstnahes Heruminszenieren und Herumstreichen um den heißen Brei mag allenfalls unerlöste Feuilletonisten begeistern. Und natürlich Kulturwissenschaftler. Es blättert sich nämlich im Pirelli-Album wie in einem Bildband zum Thema "Sexuelle Revolution - fand sie statt?". 1964 erste Bikinis und Kußmünder. 1966 das erste Wet T-Shirt. 1972 - übrigens von der Photographin Sarah Moon zu verantworten - die erste nackte Frauenbrust im Vollformat. Von drei Jahrzehnten Kampf "um befreite Brustwarzen und durchscheinende Schamzonen" singt so unnachahmlich Signor Vergani im Vorwort.

Eine große Lücke in der Editionsgeschichte des Pirelli-Kalenders klafft zwischen 1975 und 1984. Da fiel er einfach aus. Mitte der Siebziger, Ölkrise, Pirelli ging's nicht gut, man hatte einige Geschäfte in den Sand gesetzt. Sorgte sich wohl auch, ob man in schweren Zeiten mit seiner Kundschaft über nackte Mädchen kommunizieren kann.