Diese Leiche hüte Gott." So steht es auf dem Sims, der in der Aufbahrungshalle des Friedhofs Heerstraße, Berlin, den Särgen eine Nische gibt. Hier treffen sich die Trauernden, wenn die Verstorbenen keiner Gemeinde zugehörig waren, und solches galt wohl auch für die Maria Gräfin von Maltzan, die letzte Woche hier die sogenannte letzte Ruhe fand.

Sie wurde auf einem schlesischen Schloß geboren, in dem zum Beispiel der König von Sachsen Urlaub machte: ein reiches Kind einer Kultur, die ganz und gar zugrunde ging. Am Ende ihres Lebens praktizierte sie als Tierärztin in Kreuzberg, und es gefiel ihr dort; sie war bei den Punks beliebt, weil sie deren Hunde auch ohne Entgelt behandelte.

Beinahe hundert Menschen waren bei ihrer Beisetzung. Ist das nun viel? Das scheint eine ganz lächerliche Frage und ist es vielleicht doch nicht, wenn man bedenkt, daß es wahrscheinlich über hundert Menschenleben waren, die sie gerettet hat. Sie hat sie aber nicht gezählt. In ihren Erinnerungen "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht" gibt sie nur ganz summarisch, beinahe leger, die Wege an, auf denen sie der Vorsehung voranging. So hat sie Flüchtlinge nachts durch Wuhlheide geführt, "arme, verängstigte Juden", die von der schwedischen Kirche Berlin in Eisenbahnwaggons ins sichere Exil geschleust wurden. (Auf den Waggons stand "Schwedenmöbel", denn Lebloses durfte gesichert werden; gegen Gebühr, versteht sich.) Dabei kam ihr zugute, zu wissen, wie man Spuren verdeckt und Hunde täuscht und wie man sich in einem Wald auch tagelang verbergen kann. Was sie im heimischen Park nicht lernen konnte über Natur, Instinkt und Tierverstand, das wußte sie aus anderen Quellen. Sie brachte einen Flüchtling schwimmend über den Bodensee und rettete ihr Leben mit einem ausgehöhlten Kürbis mit Augenlöchern und einem Stück Bindfaden daran. Das hatte sie als Kind im "Lederstrumpf" gelesen, und tatsächlich zerfetzten die Maschinengewehre statt ihres Kopfes das Stück Gemüse.

Wenn Mut die Überwindung von Angst ist, dann war die Gräfin von Maltzan nicht mutig: sie war furchtlos. In ihrem ganzen Leben, schreibt sie, hatte sie "keine Schrecksekunde". Besonders rührend und erstaunlich ist daher, wie die Schwachen und Melancholiker, die Traurigen und Hilflosen, die Humpelnden des Schicksals ihr Mitgefühl auslösten. "Gewissermaßen zum festen Bestand des Romanischen Cafés", schreibt sie vom Ende der Dreißiger Jahre, "gehörte auch ein jüdischer Literat, Höxter. Er war ein brillanter Kopf, äußerst gebildet und belesen und durch die Rassegesetze völlig verarmt. Wenn er von einem der Gäste zum obligaten Kaffee eingeladen wurde, bedankte er sich höflich und sagte: "Hätten Sie es nicht in bar?" Die fünfzig Pfennig hatte jeder und meist etwas mehr. Als nun im Romanischen Café keine Juden mehr geduldet wurden, ist er in den Grunewald gegangen und hat sich erhängt. Dieser Tod hat mich damals sehr erschüttert."

Es war ein sehr bemessenes Geleit in der Heerstraße zu Berlin. Ein Kranz vom Regierenden Bürgermeister und eine Predigt, in der Protestantismus und Betretenheit sich eine trostlose Waage hielten. Ihr Buch ist nicht mehr lieferbar. Mag sein, daß Gott der Herr ihre Leiche hütet; für die Erinnerung an ihr Leben sind aber wir zuständig.