Aus Schaden wird der Mensch klug - sollte man meinen. Auf private Krankenversicherer trifft dies offenbar nicht zu. Vieles deutet darauf hin, daß einige Gesellschaften heute Fehler wiederholen, die der gesamten Branche bereits in der Vergangenheit schwer geschadet haben. "Jung angelockt - im Alter abgezockt" lauteten die Schlagzeilen vor einigen Jahren, die freiwillig gesetzliche Versicherte davon abgehalten haben, in die wesentlich günstigere Privatversicherung zu wechseln. Wer erinnert sich nicht an Rentnerehepaare, die in TV-Talk-Shows schluchzend angaben, daß ihre komplette Rente für die Beiträge zur privaten Krankenversicherung draufginge. Daß sie für den Luxusschutz beim Arzt und im Krankenhaus jahrzehntelang viel weniger bezahlt hatten als Mitglieder einer gesetzlichen Krankenkasse, sagten sie natürlich nicht.

Dennoch: Es war nicht zu übersehen, daß im System der Privatversicherer einiges faul sein mußte. Einer der Gründe: Um jungen, gut verdienenden Singles konkurrenzlos günstige Beiträge bieten zu können, werfen die Gesellschaften neue Angebote, sogenannte Zweittarife, auf den Markt. Hier versammelte sich dann die junge und gesunde Kundschaft, deren Prämien vorerst tatsächlich niedrig bleiben konnten. Die Kehrseite der Medaille: Die Mitglieder in den alten Tarifen wurden immer älter, der Risikoausgleich zwischen Jung und Alt fehlte. Damit stiegen die Beiträge unweigerlich. Dieser Fehlentwicklung wollte der Gesetzgeber einen Riegel vorschieben. Dreh- und Angelpunkt für den Schutz der Versicherten ist der Paragraph 178 f. des Versicherungsvertragsgesetzes. Er verpflichtet die Privatversicherer, ihren Kunden den Wechsel in einen günstigeren Tarif im eigenen Haus zu ermöglichen. Versicherte, denen der Beitrag zu hoch wird, können also in einen Tarif mit gleichartigen Leistungen zu einem niedrigeren Preis umsteigen. Auf diesem Weg soll das "Aushungern" der Alttarife verhindert werden.

Hinzu kommt: Die Gesellschaften haben ihren Kalkulationen eine aktualisierte Sterbetafel zugrunde gelegt und deutlich höhere Reserven für ihre alten Kunden gebildet. "Diese Mechanismen müßten eigentlich ausreichend sein", sagt Christian Hofer, Chef der Huk-Coburg-Krankenversicherung.

In der Praxis zeigt sich jedoch, was Gesetzestexte wirklich wert sind. Um im härter werdenden Wettbewerb bestehen zu können, greifen Gesellschaften mit sogenannten schlechten Altbeständen wieder verstärkt zu den bekannten Instrumenten: Sie bieten günstige Zweittarife für neue Kunden an und lassen die Senioren in den Alttarifen schmoren. Gleichzeitig versuchen sie trickreich, den verbraucherfreundlichen Paragraphen 178 f. zu umgehen. Der Wechsel in günstigere Tarife wird nur gesunden Versicherten ermöglicht. Die Kranken bleiben unter sich.

Ein Teufelskreis entsteht: Je mehr Alte und Kranke in einem Tarif, desto drastischer steigt die Prämie. In die gesetzliche Krankenkasse gibt es kein Zurück, es sei denn, der Kunde ist noch berufstätig und wird längere Zeit arbeitslos. Der Wechsel zu einer anderen, billigeren Privatkasse ist ebenso verschlossen, weil der Kunde seine bei der alten Gesellschaft erworbenen Altersrückstellungen nicht mitnehmen kann. Im übrigen: Je schlechter der Gesundheitszustand des Versicherten, desto höher die Risikozuschläge bei einem neuen Anbieter.

"Es gibt in der Tat einige Gesellschaften, die Probleme mit dem Paragraphen 178 f. haben", gibt Wolfgang Gerstenhöfer vom Marktführer DKV zu. Die Hallesche-Nationale etwa streitet sich sogar gerichtlich mit dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. Hallesche-Vorstand Vilmar Klimaschewski will seinen Kunden den Wechsel in einen anderen Tarif nur mit einer Gesundheitsprüfung gewähren. Wer dann nämlich Erkrankungen angeben muß, zahlt drauf.

Andere Gesellschaften umgehen den Paragraphen 178 f. eher klammheimlich. Der Kunde erhält beispielsweise vom Außendienst keinerlei Informationen über günstigere Angebote des Versicherers, oder ihm wird mitgeteilt, andere Angebote enthielten Mehrleistungen, für die wiederum Risikozuschläge fällig würden.