Schluß mit dem Gerede, die Streiks an den Hochschulen seien "unpolitisch"! Im Gegenteil: Die Studenten leiden unter der Reformsperre, jener selbstauferlegten Blockade, an der die Bundesrepublik und namentlich ihr Bildungswesen krankt. Abertausende junger Menschen geißeln das Versagen der Politik. Letztlich sind sie Opfer der großen Koalition deutscher Besitzstandsherren samt ihrem Besitzstandsdünkel. In Verwaltung und Professorenschaft zählen dazu nicht wenige Alt-68er, die vielleicht die Welt verbessert haben, aber die Universitäten verkommen ließen. Diese einstigen Reformer sind lau geworden. Vielen fehlt inzwischen der Wille - mitunter auch die Kraft - zu überfälligen Neuerungen.

Der Mißstand an den Hochschulen steht für den deutschen Stillstand überhaupt. Die Bewegung der Studenten wendet sich gegen Regierungen im Bund und in den Ländern, die nicht handeln: gegen eine Politik, die nicht agiert und selbst auf krasse Fehlentwicklungen kaum reagiert. Im Grunde streiken nicht die Studenten, sondern die Politiker. Und diese Politiker, die für die Misere mitverantwortlich sind, loben nun die Studenten dafür, daß sie auf die Misere hinweisen - ein billiges Spiel und zugleich die schnellste Art, den letzten Rest an Prestige zu verspielen. Im Bildungswesen, an den Hochschulen, prallen zwei Welten aufeinander.

Auf der einen Seite - der Seite der Verantwortlichen in Politik und Lehre bündeln sich die Schwächen der Republik: ungeheure Schwerfälligkeit, ineffiziente Abläufe, starre Strukturen, Riesengebilde statt kleiner Einheiten, Beamtendenken statt Risikofreude, Kleinmut statt Führung, Selbstzufriedenheit statt Leistungswillen, fehlende Leistungskontrolle, Mißachtung der Bedürfnisse von Gesellschaft und Wirtschaft, Festhalten an weltfremd gewordenen Denkweisen - und: Stellenabbau meist zu Lasten der Jüngeren, die frischen Elan und neue Ideen brächten. All das mündet in der deutschen Vorliebe fürs teure Durchwursteln, in der Unlust an Reformen, die ein paar nette Gewohnheiten stören würden.

Auf der anderen Seite finden sich mehr und mehr Studenten, die - im Unterschied zu ihren in besseren Zeiten herangewachsenen, von den Boomjahren verwöhnten Dozenten - ganz konkret um die Härte des Lebens und der heutigen Marktwirtschaft wissen: Es ist schwieriger geworden, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden und zu behaupten. Das staatliche Versagen, das sie an ihrer Hochschule täglich erleben, mindert ihre Chancen. Das können sie nicht zulassen. Da meldet sich eine Generation zu Wort, die kämpfen muß.

Es ist eine vielversprechende Generation - die Besten nämlich sind engagiert, aber nicht ideologisch; stark leistungsorientiert, aber nicht verkrampft; flexibel, aber zielstrebig; pragmatisch, aber auch äußerst kreativ. Im Alltag haben sie eher mehr Sinn für das Team und die Gemeinschaft als jene Altvordern, die seit jeher von der Solidarität reden und heute auf die angeblich unpolitisch gewordene Studentenschaft herabschauen.

Der Protest der Studenten ist traurig-witziger Ausdruck ihrer politischen Grunderfahrung: Am Anfang ihres Erwachsenseins steht die Erkenntnis vom Unvermögen des Staates. Das wird sie prägen, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus, und das ist durch und durch politisch.

Allerdings wäre es von einer Studentenbewegung zuviel verlangt, ein schlüssiges, umfassendes Konzept zur Erneuerung der Hochschulen vorzulegen. Durchaus verständlich, daß sie in ihrer Not auf Sofortmaßnahmen pocht, zunächst also Geld verlangt. Noch sind die Studenten keiner einzigen Landesregierung begegnet, die ihnen eine klare Reformperspektive zu eröffnen wüßte, keinem Bildungsminister und nur wenigen Rektoren, die ihnen zum Beispiel sagen würden: "So will ich die Hochschule in den nächsten fünf Jahren umbauen, das sind die fünf oder zehn wichtigsten Maßnahmen auf dem Weg dorthin, hier ist mein Zeitplan, folgende Nachteile mute ich Ihnen zu, aber folgende Vorteile werden sich ergeben." Auf Seite 4 dieser Ausgabe legt ZEIT-Redakteurin Sabine Etzold dar, was alles zu tun ist: "Nur wenn der Staat das Feld räumt, kann die Reform der Hochschulen gelingen."