Die streng vertrauliche Aktennotiz war adressiert an den Vorstandsvorsitzenden und an den Chefingenieur von Apple. "Der Mac ist kein Standard geworden", hieß es in dem Memorandum. Der Kultrechner habe "nicht die kritische Masse erreicht, die die Technik benötigt, um als längerfristiger Faktor zu gelten". Potentielle Kunden würden den Mac als riskante Investition ansehen, weil Apple aufgrund mangelnder Konkurrenz von anderen Herstellern weder unter Preis- noch unter Qualitätsdruck stehe. Das Verschleppen von Hardware- und Softwareverbesserungen durch die Firma verstärke diesen Eindruck noch, und das Mißtrauen von Kunden und Softwareentwicklern bekomme durch die schlechte Presse für Apple zusätzliche Nahrung.

Diese treffende Analyse von Apples Situation stammt nicht aus diesem, auch nicht aus dem letzten Jahr - sie ist bereits zwölf Jahre alt. Ihr Verfasser ist kein Geringerer als der Gründer und Chef von Microsoft, Bill Gates. Der schlug 1985 eine radikale Kehrtwende vor: Drei bis fünf namhafte Computerhersteller, so die Empfehlung, sollten dafür gewonnen werden, Mac-kompatible Rechner zu produzieren. Eine solche Lizensierung der Macintosh-Technik werde das Vertrauen in die Plattform stärken und mehr Ressourcen auf ihre Weiterentwicklung verpflichten. Das Image der innovativen Firma werde dadurch nur gestärkt: "Jede Anzeige für einen Mac-Kompatiblen ist Werbung für die Apple-Architektur."

Das Motiv für Gates' Fürsorge: Microsoft litt damals noch unter scharfer Konkurrenz und hatte nur auf dem Mac eindeutig die Nase vorn. Ein Drittel der Microsoft-Programmierer arbeitete an Mac-Software. Und mit Programmen, das wußte Bill Gates, verdient man mehr als mit Betriebssystemen.

Gates' Vorschlag wurde erst zehn Jahre später in die Tat umgesetzt und in diesem Sommer, nach nur zwei Jahren, schon wieder rückgängig gemacht. Wäre Apple-Chef John Sculley damals Gates' Ratschlägen gefolgt - wer weiß, vielleicht wäre der Macintosh zum PC-Standard geworden.

Wie es kam, daß Bill Gates 1985 dem Konkurrenten Apple solche Tips gab, schildert ein in diesen Tagen erschienenes Buch des Wall Street Journal-Reporters Jim Carlton. Vor allem aber führt Carltons Report ("Apple: The Inside Story of Intrigue, Egomania, and Business Blunders", erschienen bei Times Books) die Borniertheit und Arroganz vor, mit der Apples Vorstand in wechselnder Besetzung, aber erstaunlicher Kontinuität den Computerpionier in die Grütze geritten hat.

Carltons Buch erscheint in einem Moment, in dem die sprichwörtlich loyalen Mac-Fans sich gerne mit leuchtenden Augen an bessere Zeiten erinnern. Zeiten, in denen der Marktanteil des Macintosh noch bei 15 Prozent statt der gegenwärtigen 3,3 Prozent lag. Zeiten, in denen Apple mit seiner Technik die Konkurrenz noch vor sich hertrieb und in denen Macianern das Lachen über die Nutzer der uncoolen "Dosen", Rechnern mit Microsofts Betriebssystem DOS, noch leichtfiel.

Das Lachen ist den Mac-Fans mittlerweile im Halse steckengeblieben. Und mit der Erinnerung an die alten Zeiten kommt auch die Suche nach den Fehlentscheidungen, die damals fielen, nach den Schuldigen für das aktuelle Elend des neuntgrößten Computerkonzerns der Welt (der immer noch deutlich mehr umsetzt als Microsoft). Folgt man Carlton, so war der Hauptgrund für das Scheitern des Projektes der entschiedene Widerstand von Apples Technologievorstand Jean-Louis Gassée, heute mit seinem neuen Betriebssystem BeOS wieder einer der Hoffnungsträger der Branche.