Wir alle grölten blöde, als der beherzte Stuttgarter Kicker den Fernsehreporter bat, dieser möge die Frage doch nicht gleich so hoch sterilisieren. Auch erntete der Fußballbundestrainer Spott und Hohn, als er kundtat, gegen Wales hätten sich schon ganz andere Mannschaften hart getan. Wie unfair. Wir hätten ahnen müssen: Aus diesen Worten spricht kein von Kraftsport und Halbzeitinterviews verwirrter Geist. Herr Legat, Herr Vogts, Herr Faßbender auch: Wir müssen Abbitte leisten. Kein Lacher mehr auf Kosten Ihrer köstlichen Versprecher. Im Gegenteil: Diese weisen vielmehr "auf eine außergewöhnlich fein strukturierte und reiche Sprachfähigkeit hin", die lediglich durch Virenbefall kurzzeitig geschwächt war - dies lehrt uns die oberste Versprecherforscherin der Nation, die Frankfurter Sprachwissenschaftlerin Helen Leuninger, in ihrer aktuellen Sammlung sprachlicher Hochfehlleistungen. Der Titel: "Danke und Tschüss fürs Mitnehmen".

Demnach müssen wir professionellen Nörgler und Verbesserer noch so manche Kröte schlecken, um den Formenreichtum der alltäglichen Versprecher ätzen und scheren zu lernen. Wo wir nur besserwisserisch kichern können, da unterscheidet die Wissenschaft in Kontaminationen, Antizipationen und Strandgutirrtümer. Nicht nur Viren infizieren das gesprochene Wort, ganze "Versprecherherde" greifen laut Leuninger auf den Satzbau über. Kein Bundestrainer, kein Kanzler ist immun.

Keineswegs handelte es sich um absichtsvoll böse Vorahnung kommender Arbeitsmarktkatastrophen, als der Redner die Kürzung der Lohnfortzahlungen im Arbeitsfall erwog. Lediglich waren im persönlichen "Sprachspeicher" zwei miteinander "vernetzte" Begriffe etwas durcheinandergeraten, spricht die Wissenschaft.

Auch die Äußerung, die Nato habe wieder serbische Ziele aus der Luft gegriffen, darf demnach keinesfalls als Freudscher Versprecher gelten. In Leuningers Lexikon läuft dieser Fehlertypus unter dem knappen Stichwort "Tilgungen" - sprich: Dem Sprecher fehlten nicht die Worte, dafür aber ein paar Buchstaben.

Die hübschesten Stolperer finden nun eine rationale Erklärung. Wer eine Kotzen-Nutzen-Rechnung aufmacht und dabei Dritte über den grünen Klo lobt der ist einer ganz vulgären "Antizipation" anheimgefallen. Die politische Wildensbildung fällt ins gleiche Ressort. Unter "Vertauschungen" wird hingegen das ausgeschlitzte Kochohr subsumiert. Den spannendsten sprachlichen Wettkampf zwischen zwei Worten, die gewissermaßen zeitgleich auf der Zunge liegen, bieten jedoch die "Kontaminationen". Wer den Fliehkräften Herr zu halten versucht, ist schon infiziert. Falls nicht vorher einmal der Groschen zündet.

Ja, gut: Was aber, Frau Professor, meinte jener besonders sensible Dortmunder Mittelfeldspieler, als er versicherte: "Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl"? Wehe: Neue Versprecherherde keimen auf, in den Stadien wie in den Studios. Die Wissenschaft steht noch am Anfang. Die Reporter stehen Mikrophon bei Fuß. Gemeinsam, so viel können wir versprechen, schaukeln wir das schon auf die Rolle. Helen Leuninger: Danke und Tschüss fürs Mitnehmen Ammann Verlag, Zürich 1997; 222 S., 25,- DM