Kreatives Töten. Die Kunst des plötzlichen Todes. Die Saat der Gewalt. So heißen die Filme, die Mike Max produziert. Mike Max hat eine Kinofirma in Hollywood, und er weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. Das verbindet ihn mit Wim Wenders, dem deutschen Filmregisseur. Ansonsten sind die beiden Männer Antipoden.

Mike Max (Bill Pullman), der Held des neuen Films von Wim Wenders, wird entführt. Kurz zuvor hat ihm seine Frau Paige (Andie MacDowell) eröffnet, daß sie ihn verlassen will. Jetzt steht er gefesselt unter einer Autobahnbrücke irgendwo in Los Angeles, und zwei fremde Männer richten ihre Gewehre auf ihn. Er bettelt um sein Leben. Dann fallen zwei Schüsse. Am nächsten Morgen liegt Mike Max mit zerschlagenen Gliedern im Garten einer Villa in Malibu. Freundliche mexikanische Gärtner finden ihn und nehmen ihn mit. Sie laden ihn in ihr Haus ein, geben ihm zu essen, machen ihn zum Familienmitglied. Bald kann Mike Max wieder lachen. Mit Hilfe seiner neugewonnenen Freunde geht er daran, sein Dasein in Ordnung zu bringen.

Seit geraumer Zeit stehen alle Geschichten, die Wim Wenders seinen Zuschauern erzählt, im Zeichen der Fürsorge. Im Hollywoodkino nebenan wäre einer wie Mike Max vielleicht vor die Hunde gegangen. Nicht so bei Wenders. Seine Helden sind, allem Ungemach, das sie erleiden, zum Trotz, in Wahrheit nie in Gefahr. Hundert hilfreiche Hände strecken sich ihnen aus der Dunkelheit entgegen. Wo immer einer hintritt, trifft er auf einen Freund. Da ist, wie es im Lied heißt, keine Stelle, die dich nicht sieht: Du mußt dein Leben ändern. Und so geschieht es.

Wann hat das alles angefangen? Vor fünfzehn Jahren, in "Hammett" und im "Stand der Dinge", war Wenders' Welt noch so kaputt wie die wirkliche. Es gab, auch unter Freunden, kein Happy-End. Doch schon "Paris, Texas" (1984) redete, wenngleich in gebrochenem Ton, von einer Heimkehr. Als dann vom "Himmel über Berlin" (1987) herab die Engel auf die Erde stürzten, war des Heim- und Einkehrens kein Ende mehr. Die Suche nach Liebe, Glück und einem Platz auf der Welt konnte nun nicht mehr schiefgehen. Schließlich stand jeder der Suchenden unter Beobachtung: Von oben schauten Engel auf ihn herunter, von unten Kinder und Großväter zu ihm hinauf. "In weiter Ferne, so nah!" (1993) ist ein Film über das Schweben vor Publikum: Kaum ist Otto Sander in den Armen seiner Gefährten gestorben, wird er als Geist schon wiedererweckt. Jedes Hinauf ein Hinab und umgekehrt. Und ewig wachen die Befreundeten. In "Bis ans Ende der Welt" (1990), dem Film, der sich zwischen Odyssee und Ringelpietz nicht entscheiden kann, ist ein ganzer Pulk von Verfolgern und Beschützern unterwegs, um das Liebespaar William Hurt und Solveig Dommartin von Paris, France, nach Australien zu geleiten. So treibt nicht die Liebe, sondern die fromme Absicht das Geschehen voran. Darin vor allem wurzelt das Unbehagen an Wenders' jüngsten Filmen. In den neunziger Jahren, so scheint es, ist dieser Regisseur in alle Wolken gefallen. Sein Erzählerblick steht auf dem Kopf: Er nimmt die Verstandesnöte seiner Figuren als wirkliche Handlung und ihren Überlebenskampf als bloßes Beiwerk wahr. Wenders' Kino, das mit großen Geschichten, dramatischen Bildern, bekannten Stars und berühmten Schauplätzen prunkt, wird in Wahrheit immer abstrakter.

Auch in "Am Ende der Gewalt" gibt es die Perspektive der Engel. Sie gehört Ray Bering (Gabriel Byrne), der im Griffith Park Observatorium hoch über Los Angeles vor seinen Computermonitoren sitzt. Jeder der Monitore ist mit zahllosen Videokameras verbunden, die das Leben unten auf den Straßen lückenlos aufzeichnen. Aber die Apparatur des Himmels dient keinem guten Zweck. Böse Mächte vom FBI wollen die Kameras einsetzen, um unter dem Vorwand der Verbrechensbekämpfung einen Überwachungsstaat zu gründen. "Das wäre das Ende der Gewalt, wie wir sie kennen", sagt einer der Finsterlinge zu Ray. Doch Ray ist anderer Meinung. Deshalb versucht er, Kontakt zu Mike Max aufzunehmen, den er einmal auf irgendeiner Konferenz getroffen hat. Aber noch ehe Max Berings E-Mail in seinem Computer gefunden hat, wird er entführt und zur Exekution ins Niemandsland verschleppt. In seinem Ausguck beobachtet Ray ohnmächtig das weit entfernte Geschehen. Näher kommen die beiden Männer sich nie.

"Am Ende der Gewalt" ist, scheinbar, ein medienkritischer, über fiktive und reale Brutalität und ihre Ursachen nachdenkender Film. In Wirklichkeit ist es eine Geschichte von zwei Männern, die nicht zueinanderkommen, weil "das System" dazwischenfunkt. Hinter der Vagheit des Feindbildes verbirgt sich eine dramaturgische Schwäche. Denn Wenders und sein Drehbuchautor Nicholas Klein schaffen es nicht, Max' und Berings Schicksale zu verknüpfen. Brächten sie Mike zu Ray, würde die tiefe Banalität ihres Konzepts offenbar: zwei gegen den Rest der Welt - die alte buddy story.

Daraus ließe sich ein großartiger Film machen. Aber die klassische Genre-Variante ist Wenders nicht meinungsstark genug. So verzettelt er sich in Nebengeschichten, Nebenfiguren, die aus der hinreichend simplen Grundidee ein allzu kompliziertes Allerlei machen. Da ist Cat (Traci Lind), das Stuntgirl, dem man jedes dritte Wort "definieren" muß. Oder Doc Block (Loren Dean), der Polizist, der hinter seinem kugelsicheren Lächeln eine geradezu abgründige Geschwätzigkeit verbirgt. Oder der schwarze Sänger Six (K. Todd Freeman), der im Gangsta-Rap seinen Lebensinhalt erblickt, bis er mit der Studiochefin Paige ins Bett geht; fortan besingt er die Liebe. Oder dieser und jene. Sein Film, hat Wenders erklärt, sei "ein offenes Haus mit vielen Türen". Nichts gegen Türen, aber hier wohnen einfach zu viele Leute dahinter.