Als Umberto Eco vor Jahren den Satz schrieb, zwei Klischees seien banal, hundert Klischees hingegen erhaben, da dachte er nicht an "Die Hochzeit meines besten Freundes" von P. J. Hogan.

Eco dachte an Michael Curtiz' "Casablanca", dieses Märchen von der Liebe, die eine strenge Pflicht, und der Freundschaft, die eine edle Neigung ist. Und vielleicht dachte er auch an ein paar der schlauen alten Komödien aus den Studios der RKO, MGM und Paramount, an die ewigen Schlafliebeskriege zwischen Katherine Hepburn und Spencer Tracy oder an jene Vehikel von George Cukor, Mitchell Leisen oder Howard Hawks, in denen Erwachsene sich so kindisch benehmen durften, wie es selbst Kindern nicht erlaubt war. Aber das schrieb er nicht auf.

Einst begann, wenn mit dem schnellen, billigen B-Film der erste Teil des Kinoabends vorüber war, die Zeit der reiferen Herzen, die sich in den clever hingetupften Dialogzeilen der Bräute und Väter auf der Leinwand wiedererkannten. Das Ambiente dieser Komödien war oberklassig, die Sprache sophisticated: Kino mit Abitur. Nach dem Ende des Studiosystems erlosch auch der Schimmer von Bildung, den der klassische Kommerz immer wie ein Parfum über seinen Marktinteressen getragen hatte. Die Klischees wurden rar und einfältig. Blake Edwards ist ein Berserker gegen Leisen und Hawks.

Inzwischen hat sich das Publikum im Saal so weit verjüngt, daß der Erwachsenenfilm zum Genre verkommen ist. Ein böser Wortzauber bindet ihn an die adult movies im Pornokino und in der Videothek. Dabei hat er mit der physischen Seite des Geschlechterlebens noch weniger zu tun als die Action- und Witzfilme der Kids. Im Erwachsenenfilm zeitgenössischer Bauart trägt nicht der Körper, sondern die Seele die Geschichte. Im Grunde ist die Lust ohnehin eine Täuschung. In Rob Reiners "Harry und Sally" macht Meg Ryan Billy Crystal am Kneipentisch einen Orgasmus vor: einen fake, der jede Bettszene in den Schatten stellt. Eine Dame, die Meg Ryans Darbietung vom Nebentisch aus beobachtet hat, sagt zum Kellner: "Ich nehme dasselbe, was sie hatte." In diesem Genre kann der richtige Drink schon die Erfüllung sein.

Erwachsenenfilme leben vom Schein der Langsamkeit. Die "Zeit der Zärtlichkeit" umspannt glatt drei Jahrzehnte. Auch Harry und Sally brauchen Jahre, um zueinanderzukommen. Deshalb wirkt es wie ein Schock, wenn uns die Kamera am Anfang von P. J. Hogans Film "Die Hochzeit meines besten Freundes" in die Hektik einer Restaurantküche katapultiert. Angstvoll rast der Kellner zum Koch, der wie besessen seine Pfannen schwingt. Draußen sitzt die Gourmetkritikerin und seziert lässig eine Dessertkreation. "Ich sage: kreativ, gewagt, originell." Die Kamera fährt näher heran: Es ist Julia Roberts.

Julia Roberts als bezahlte Freundin der Kochkunst ist kein Schock, sondern ein Affront. Diese Frau lebt ersichtlich nicht vom Essen. Aber der Schlag muß sein, damit wir Hogans "Hochzeit" nicht mit der Wirklichkeit verwechseln.

Eigentlich wissen wir längst, worum es geht. Denn im Vorspann haben vier reizende junge Damen in Braut- und Jungfernkleidern die Hände zum Bühnenhimmel gereckt und dabei den Einen und Einzigen besungen - die vier Kleider wie ein Bukett, die vier Gesichter wie Blüten darin. Es ist jener Kitsch, der sich lauthals als Lüge zu erkennen gibt, damit wir im stillen hoffen, er wäre wahr. Der Brautstrauß fliegt, das Zielpublikum erstarrt in seinem Sitz. Jetzt weiß die Singlefrau um die Vierzig: Das gilt dir.