Am Anfang ist es Sommer. Die Luft ist erfüllt vom Spiel der Glocken. Ganz frei und schnell die Bewegungen der Kinder im Heu. Auf diesem Bauernhof im Süden Frankreichs sind die Verhältnisse aber nur selten so schwerelos. Wenn der Vater im roten Lastwagen auftaucht, um die sieben Kinder und ihre Mutter zur Arbeit anzuhalten, setzt rasch ein ausbeuterischer Kreislauf ein, der nur Befehle kennt und abgezirkelte Bewegungen. Langsam wird die seltsame Beziehung zwischen diesen Menschen klar: Es handelt sich um eine uneheliche Zweitfamilie, die der Vater im Tausch gegen Arbeit mit den notwendigsten Gütern versorgt und auf dem bescheidenen Hof hausen läßt. Manchmal, gegen den erbitterten Widerstand der Mutter, holt er die Kinder auch an seinen Haupthof. Dort werden sie "Bastarde" genannt. Aber Gemüse ernten dürfen sie trotzdem.

Einmal sagt ihnen ein Landarbeiter: "Ihr habt ein schönes Leben." Ein anderes Mal sagt der Vater zu der Frau: "Ich hab' dir schöne Kinder gemacht." Gleich darauf suggeriert eine dunkle Ellipse in der Erzählung, daß er seine älteste Tochter mißbraucht.

Doch die enorme Kraft und Offenheit des Films verhindert, daß der Vater dieser sieben Zwerge zum reinen Märchenmonster wird. So knapp und hart jeder seiner Auftritte auch sein mag: Man stellt sich gern einen anderen, zukünftigen Film vor, der ihm gewidmet ist. Und mag im gegenwärtigen Film, der ihr gewidmet ist, die Mutter noch so sanft und stark und seelengut sein, nie wird sie zum Schneewittchen.

Gegen die phantasmatische Hauptströmung im Kino haben sich in den letzten Jahren immer wieder Realitätsfilme durchgesetzt. Meist entstehen sie nicht mehr als Teil einer "Bewegung", sondern vereinzelt und lokal, und oft müssen sie um den Zugang zum Kinomarkt kämpfen. Daß es nun bei Sandrine Veyssets "Gibt es zu Weihnachten Schnee?" geklappt hat, ist ein kleines Wunder (begünstigt wohl auch durch die Zahl von einer Million Zuschauern in Frankreich). Für die dreißigjährige Regisseurin, die aus der Gegend von Avignon stammt, heißt "Realitätsfilm" unter anderem: Genauigkeit in den sozialen Zusammenhängen, Schauplätzen und klimatischen Bedingungen kontrollierte Freiheit im Spiel der (wenigen) erfahrenen Darsteller mit den Laien unaufgeregte Begleitung der Figuren im Raum. Bewegliche Halbtotalen, kaum Großaufnahmen: "eine ganze Welt". Aber bevor der Begriff des Dokumentarischen hier seine volle dubiose Macht entfalten kann, gebietet der Film Einhalt. Veysset, die Leos Carax' Komplizin war, als Ausstatterin der "Liebenden vom Pont-Neuf", will Verdichtung, nicht starre Neutralität. Der Kino-Apparat selbst gibt ihr die Mittel, ihre Wirklichkeit mit Angst und Glück aufzuladen, jenseits der dramatischen Konvention: der plötzliche Einsatz des Zeitraffers, eine herzzerreißende Kreisblende, die Stummfilmbilder wachruft. Und am Ende die Zufahrt auf ein Fenster in der Nacht, Schneebälle klatschen darauf, geworfen von den Kindern, die nicht wissen, wie ihnen geschah dahinter die Mutter, die es erst langsam begreift.

Wer hätte im modernen französischen Kino ein Gegenstück zu Frank Capra zu suchen gewagt? "It's a Wonderful Life", gedreht vor fünfzig Jahren, ist Capras berührendster und ernstester Film. Meist wird er als Weihnachtsfilm gesehen und gezeigt. Das hat schon seine Richtigkeit, selbst dann, wenn man die letzten Wochen des Jahres nicht religiös, sondern ganz existentiell erlebt. Wenn die Menschen in der Zeit der dunklen Nachmittage heftiger oder tiefer fühlen, dann werden sie empfänglich für die Spannweite jenes lebendigen Augenblicks, den Capra oder Sandrine Veysset in Szene setzen. Für die Spannweite zwischen dem Schrecklichen in all seinen Facetten und der mühevollen Behauptung des Schönen, der Freiheit, des Weiterlebens zwischen der Entscheidung zum Selbstmord und der Hoffnung auf leise rieselnden Schnee.

Solch ein Augenblick verschweigt nichts Gesellschaftliches, doch er setzt zugleich das Subjekt und seine Kräfte ins Recht.

Im Gegensatz zu Capra fehlt Veyssets Film jegliche sentimentale Mechanik.