Mühsam kämpfte sich die Polarstern voran. Tagelang tobten Orkane und peitschten das Meer auf. Die Wellen schlugen bis zu fünfzehn Meter hoch. Das Wetter südwestlich von Kap Hoorn in der Bellingshausensee war so schlecht wie sein Ruf. Doch ausgerechnet dieser abgelegene Winkel der Erde mußte es nun einmal sein: Am Boden dieses Teils des Südpolarmeeres hoffte die Besatzung des deutschen Forschungsschiffs Spuren aus dem All zu finden - und fand sie auch.

"Die Anstrengungen haben sich gelohnt", sagt Expeditionsleiter Rainer Gersonde vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, "denn wir können nun erstmals die dramatischen Ereignisse nachzeichnen, die sich beim Einschlag eines großen Meteoriten in den tiefen Ozean abspielen." Über die Ergebnisse der Expedition berichtet der Meeresgeologe zusammen mit zwölf anderen Kollegen in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift Nature.

Daß die Erde im Laufe ihrer Geschichte immer wieder von gewaltigen Brocken aus dem All - Asteroiden und Kometenkernen - getroffen wurde, ist durch zahlreiche Einschlagkrater belegt. Etwa 150 Krater mit Durchmessern bis zu 200 Kilometern sind auf den Kontinenten bekannt, ein paar finden sich auch in den flachen Schelfmeeren. Die Tiefsee aber, die fast zwei Drittel der Erdoberfläche bedeckt, erscheint als kraterfreie Zone. Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß die kosmischen Bomben nur auf die Landmassen zielen. Doch wo sind die Auswirkungen in den Tiefen der Ozeane?

Auf erste Anzeichen stieß der Amerikaner Frank Kyte von der University of California in Los Angeles in den achtziger Jahren. Kyte untersuchte Sedimentproben, die das amerikanische Forschungsschiff Eltanin zwei Jahrzehnte zuvor aus dem Südpolarmeer gezogen hatte. Er entdeckte eindeutige Spuren eines Riesenmeteoriten: eine Anreicherung des sonst auf der Erde sehr seltenen Elements Iridium, außerdem Fragmente des Asteroiden selbst.

Um diesen - nach dem Schiff benannten - "Eltanin-Einschlag" zu untersuchen, brach die Polarstern im Jahr 1995 in den Süden auf. Auf 30 000 Quadratkilometern durchpflügte sie die rauhe See in regelmäßigem Muster. Die Forscher aus Deutschland, den USA, Spanien und Australien kartierten den Meeresboden, durchsuchten die oberen Schichten mit Hilfe von Schallwellen und zogen bis zu 20 Meter lange Sedimentkerne. Die Kartierung zeigt ein bewegtes Relief mit Tiefen zwischen 2500 und 5000 Metern - doch keinen Krater. Die seismologische Durchleuchtung und vor allem die akribische Untersuchung der Sedimentkerne lassen jedoch keinen Zweifel an einer Kollision mit katastrophalen Auswirkungen.

Gersonde und seine Mitarbeiter zeichnen ein atemberaubendes Szenario. Vor 2,15 Millionen Jahren, nach den Zeitvorstellungen der Geologen also in naher Erdvergangenheit, raste ein Asteroid auf die Erde zu, dessen Durchmesser die Forscher mit ein bis vier Kilometern angeben. Beim Einschlag in das Südpolarmeer explodierte der Himmelskörper mit einem ungeheuren Feuerball.

Das setzte eine Energie frei, die der Explosivkraft von fünf Millionen bis fünf Milliarden Atombomben vom Typ Hiroshima entsprach. Hunderte Kubikkilometer Wasserdampf, vermischt mit Meersalz, Staub aus Asteroidenmaterial und vom Tiefseeboden herausgerissenem Sediment, wurden bis in hundert Kilometer Höhe hochgeschleudert und über die ganze Welt verbreitet.